Fragen Sie Frau Andrea

Der Traum vom gesunden Braun

Kolumnen | aus FALTER 26/12 vom 27.06.2012

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

warum sind manche Menschen geradezu süchtig nach Sonne und legen sich wie Grillkoteletts unter den Feuerball, während andere, Zombies gleich, Schatten und Innenräume aufsuchen, sobald es schön und heiß wird? Und daraus abgeleitet - was ist jetzt besser: die gesunde Bräune oder die noble Blässe?

Tina Schneider, Margareten,

per Gesichtsbuchdirektnachricht

Liebe Tina,

in Zeiten vor dieser war noble Blässe ein Ausweis für den Luxus des Schattens. Aristokraten und Höflinge waren nicht dem existenziellen Furor des Arbeitens im prallen Sonnenlicht ausgesetzt. Als "blaublütig“ wurde im frühmittelalterlichen Spanien der hellhäutige westgotische Adel bezeichnet - anders als bei den braungebrannten Iberern konnte man bei den Germanen die Venen durch die Haut sehen. Bis in familiär erinnerliche Zeiten hielt sich das Eleganzphantasma der bleichen Haut. Mit dem Aufkommen des Phänomens "Strandurlaub“ verschoben sich diese Gewichte. In den 60ern und 70ern war die sommerliche Bräune zum allgemeinen Statussymbol aufgestiegen. Bleich waren nur Kranke und die Unterschicht. Die Echos aus dieser Zeit sind solariumsüchtige Arbeiterenkel und eine Millionenschar hautgealterter Frühpensionisten. Plus eine steil ansteigende Hautkrebsrate unter Hellhäutigen.

Die Sonnenanbetung hat neben kulturmodischen Aspekten auch eine physiologische Komponente: Dunkle, melaninreiche Haut hemmt die Produktion von Vitamin D, ein zentraler Akteur im Knochenstoffwechsel. Bewohner sonnenarmer Breiten evolvierten nach der Eiszeit die helle Haut als Vitamin-D-Bildungs-Turbo und parallel dazu die Lactosetoleranz, also die Fähigkeit, als Erwachsener Milchprodukte und das in ihnen enthaltene Vitamin D verdauen zu können. Aber was ist jetzt gut: blass oder braun? Für die blasse Haut eines hellhäutigen, jungen, erwachsenen Menschen ist die minimale Erythemdosis, also der Beginn der Hautrötung an einem sonnigen Sommermittag auf 40° Breite in Meereshöhe, (i.e. New York oder Neapel) nach zehn bis zwölf Minuten erreicht, Dunkelhäutige und bereits Gebräunte benötigen dazu bis zu zwei Stunden. Als günstige Dosis gilt dreimal pro Woche zehn bis 15 Minuten Sonnenbestrahlung. Conclusio? Schatten.


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