Menschen

Rock ’n’ Roll!

Falters Zoo | Ingrid Brodnig, Nathalie Grossschädel, Gerhard Stöger, Karin Wasner | aus FALTER 26/12 vom 27.06.2012

Der Zutritt zum Burgtheater ist nur nach einem peniblen Security-Check möglich, drinnen hängen Totenkopfflaggen von den Balkonen und aufgekratzte junge Menschen brüllen sich von Loge zu Loge "Scheißplätze!“ zu. Was das zu bedeuten hat? Ganz klar: Die Toten Hosen sind wieder einmal im Hochkulturtempel ihres Vertrauens, um "unplugged“ zu spielen. Unterstützt von einer Pianistin und einem Cellisten vermochten die Düsseldorfer bei den beiden Konzerten auch ohne verzerrte Gitarren zu begeistern, die gelegentliche Textunsicherheit des Sängers Campino - er feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag - hatte durchaus seinen Charme. Vor allem, wenn er bei ganz alten Hadern wie "Opel-Gang“ ins Stolpern geriet. Klaus Maria Brandauer wurde am ersten Abend im Publikum gesehen, Birgit Minichmayr gesellte sich für ein Duett mit auf die Bühne, und selbst Campinos Schwester Maria hatte mit der Rolling-Stones-Coverversion "No Expectations“ einen großen Auftritt. Nach einem Geheim- und zwei Überraschungskonzerten spielen die Toten Hosen heuer übrigens auch noch ganz regulär in Wien: am 22. Dezember in der Stadthalle.

Ausgesprochen "geil“ war die Abschlussschau der Modeschule Hetzendorf. Bei brütender Hitze und Gewitter ging die Show in einem Zelt im Schlosspark Hetzendorf über die Bühne. Für die Inszenierung war u.a. DJ, Producer und ehemaliger Hetzendorf-Schüler Christopher Just verantwortlich. Zur Club-Mucke schickte er nicht nur Models, sondern auch Musikerlegende Rudi Nemeczek (Minisex) im gemusterten Bademantel und Bunny-Lake-Sängerin Teresa Rotschopf im goldenen Catsuit über den Laufsteg. Louie Austen, ebenfalls made in Hetzendorf gewandet, schmetterte sommerliche Hits, und als Braut fürs Grande Finale engagierte Just gleich seine echte Braut Lilith Matthews. Romantisch!

Zwei Tage Gitarrenklänge, kaltes Bier und EM-Verschnaufen bescherte uns letzte Woche das Festival Full Hit of Summer in der Wiener Arena. Die Eagles of Death Metal verbreiteten mittwochs brav Rock-’n’-Roll-Gaudi im ersehnten Regen und unter Blitz- und Donnerschlag, die wahren Helden von Tag eins jedoch waren zwei wilde Männer aus San Francisco: Two Gallants. Immer wieder eine Freude, wie viel Energie und Geräusch aus nur zwei Menschen kommen will. Am Freitag warteten dann alle, die nicht auf dem Donauinselfest oder beim deutsch-griechischen Fußballgemetzel waren, sehnsüchtig auf das Österreich-Debüt von Zach Condons Kapelle Beirut. Das Warten verkürzten gekonnt Sweet Sweet Moon, Kurt Vile mit den Violators und der US-amerikanische "Wasteland Companion“ M Ward. Dann war endlich Beirut so, wie erwartet: eh voll schön. Unter großem Jubel für die sechs Mannen mit noch viel mehr Instrumenten gab es melancholische Folk-Balkan-Klänge mit viel Blech und Epos unter Erdberger Sternenhimmel.

Wir mögen die Menschen ja. Wir mögen sie sogar so gern, dass wir uns jedes Jahr aufs Donaufestival begeben, um circa an einer Million Menschen vorbeizumarschieren, bis wir endlich zur Bühne unserer Wahl kommen. Das ist mitunter eine Frage von Stunden, aber irgendwann haben wir auch ins Ö1-Zelt gefunden und die tolle Mika Vember miterlebt. Die Singer-Songwriterin war auch schon ganz wuschi dank der Reizüberflutung, immerhin liegt der Ö1-Backstagebereich gleich neben einer Techno-Bühne (Stichwort: Clash of Cultures). Frau Vember entschuldigte sich, falls die Band etwas komisch wirken möge. So schlimm kann es aber nicht gewesen sein. Denn am Ende tanzte auch manch ein Ö1-Veteran mit.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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