Kunst  Kritik

Konzeptkunstsatiren in der Besenkammer

Lexikon | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Eduard Pomeranz hat den falschen Beruf, aber die richtige Religion. Als Hedgefonds-Manager gehört er zu den Heuschrecken des Börsenkapitalismus, der in den Augen seiner Kritiker die Bäume der Realwirtschaft kahlfrisst. Als gläubiger Jude, der Mitte der 70er-Jahre mit seiner Familie aus der Sowjetunion nach Wien kam, gehört er zu einer diskriminierten Minderheit. Seit fünf Jahren verbindet der Geschäftsmann das Geschäftliche mit dem Sozialen durch eine Kunstsammlung, die nun zum ersten Mal öffentlich präsentiert wird. "Pomeranz will für die leidgeprüfte Familie, die durch Pogrome, Kriege und ständig wechselnde Regime ging, ein Denkmal setzen“, beschreibt Museumsdirektorin Danielle Spera das Motiv des Sammlers.

Zu der für Wiener Verhältnisse ungewöhnlich hochwertigen Sammlung gehören Werke von Künstlern, die sich mit Rassismus beschäftigen (Adel Abdessemed, Ignacio Gonzalez-Lang). Mit Boris Mikhailov ist ein Meister sozialdokumentarischer Fotografie vertreten, Valie Export steht für die feministische Kunst. Pomeranz arbeitet mit dem Kurator Ami Barak zusammen, der das Spektrum ästhetischer Möglichkeiten über die politische Kunst im engeren Sinn hinaus erweiterte. So finden sich in "Fremde überall - Foreigners Everywhere“ auch subtile Bearbeitungen historischer Ereignisse (Walid Raad) und auch arrivierte Museumskunst (Martin Kippenberger, Imi Knoebel). Die Präsentation der Werke in den viel zu kleinen Museumsräumen ist leider ein Fiasko. Ryan Ganders Konzeptkunstsatiren etwa wirken so, als wären sie von einem Besucher beschädigt worden. Die wunderbaren Grafiken eines Július Koller kommen in der Besenkammer zu wenig zur Geltung. Das Fazit: eine interessante Sammlung, schlecht präsentiert. Der selbstbewusste Auftritt eines neuen jüdischen Bürgertums. MD

Jüdisches Museum, bis 7.10.


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