Kunst  Kritik

Horrorkitsch im schwarzen Atlantik

Lexikon | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Das Thema Erinnerung beschäftigte Catherine David bereits bei der Konzeption der von ihr geleiteten Documenta 10. Auch in der Ausstellung "Mutatis Mutandis“ hält dieses Leitmotiv die unterschiedlichen Beiträge zusammen. So ruft Babak Afrassiabi in dem Film "Thicker than Paint Thinner“ einen Brandanschlag auf das Rex-Kino in der iranischen Stadt Abadan in Erinnerung, bei dem im Jahr 1979 hunderte Menschen starben. Der Film fängt bruchstückhaft die Stimmen von Beteiligten ein, lässt den Attentäter zu Wort kommen, springt zwischen Erinnerungsfetzen hin und her. Louidgi Beltrame widmet sich den Spuren moderner Architektur und dokumentiert in dem Film "Cinelândia“ ein von Oscar Niemeyer 1951 in den brasilianischen Tropen errichtetes Haus, dessen geschwungene Formen und verglaste Fassaden den utopischen Geist der Zeit widerspiegeln. Die Farben des Zelluloids legen sich wie Patina auf die Bilder. Längst hat der Regenwald dieses Stück Nicht-Natur zurückerobert, dessen rationale Gestalt von mythischer und archaischer Symbolik überwuchert wird.

So treffsicher die Kuratorin in der Filmauswahl ist, so sehr schwächelt ihr Urteilsvermögen bei anderen Medien. Edgar Arceneaux zeigt Bilder vom Untergang der Industriestadt Detroit. Die großformatigen Zeichnungen zeigen Science-Fiction-Landschaften und von Geistern belebte Meereswellen. Der Künstler greift Mythologeme des mit der Technomusikszene Detroits verbundenen Afrofuturismus auf; die Sklavengeschichte der Afroamerikaner spielt in den Ruinen der Industriestadt. Leider wirken die Bilder unfreiwillig naiv, wie surrealistische Karikaturen. Etwas subtiler geht Elisabetta Benassi vor. Sie lässt die Rückseiten historischer Fotografien abmalen, eine gelungene Allegorie auf den unsichtbaren Teil massenmedialer Wahrheitsproduktion. MD

Secession, bis 2.9.


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