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L’ultima cena

Falter & Meinung | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

"Ob der Herr Professor sich vorstellen könne, wieder einmal ein politisches Amt anzustreben, vielleicht als Wirtschaftssprecher der Grünen?“ Das fragte Thomas Vašek sich und den Herrn Professor. Und so ging’s weiter im Text: "Van der Bellen ist überrascht, zögert kurz und gibt dann die Anwort des Politikers: Auf hypothetische Fragen gebe er keine Antwort. Nachdenklicher Zusatz:, Ich glaube nicht, dass ich der Richtige bin. Es gibt ja eh so wenig freischwebende Intellektuelle.‘“

Das kam dann doch ein wenig anders. Im Feuilleton, das damals noch Kultur hieß, interviewte der leider verstorbene Autor und Radiomann Hannes Doblhoffer den leider verstorbenen Maler Franz Ringel. 1992 lebten beide noch und Ringel sagte, es gebe "keine klassen Mörder mehr“.

Weiters berichtete Jan Tabor von einem Treffen der Weltarchitekten, die Peter Noevers Ruf gefolgt waren, bei der "Weltarchitekturkonferenz über den Zustand der Weltarchitektur zu befinden. Befund: eine traurige Sache.“

Das war, hieß es im Text, "keine Pressekonferenz, das war ein kunsthistorisches Déjà-vu-Erlebnis. Eine Art neutestamentarischer Parallelakt. Als sie dort saßen, in dem riesigen Saal (in dem kurz zuvor die streng geheime Konferenz abgehalten worden war), an dem langen schmalen Tisch, in ihren dunklen Kleidern (fortschrittliche Architekten und Künstler bevorzugen Schwarz), im Hintergrund zwei exotische Zierbäume, sahen sie wie eines der vor der letzten Jahrhundertwende beliebten sogenannten Lebendigen Bilder aus, die nach alten Vorbildern aus lebenden Teilnehmern arrangiert wurden. Sie sahen wie das Letzte Abendmahl von Leonardo aus. Streng symmetrische Komposition, der Goldene Schnitt. La cena ultima di Vienna anno domini 1992. Gastgeber und Arrangeur Peter Noever als Jesus Christus in der Mitte, gütig, geduldig, gelassen und doch verantwortungsbewusst. Links und rechts die Apostel: übermüdet, abgeklärt, leicht gelangweilt, untröstlich und doch in Erwartung kommender großer Dinge. Elf Apostel nur, Judas wurde nicht eingeladen.“ AT


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