Meinesgleichen

Warum es gut ist, dass der Papst Bücher schreibt

Falter & Meinung | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Der Papst verdient es, kritisiert zu werden. Vatikankritische Geschichten sind das Salz des Magazinjournalismus. Dort gibt es noch Machenschaften, Geheimnisse, Verliese (zumindest für Akten), Arkanbezirke und so weiter, alles, an dem sich der Demokrat mit Recht und Wollust reibt. So nahm ich auch eine vor kurzem erschienene Vatikangeschichte des Nachrichtenmagazins Profil und dessen These, der Papst sei schon etwas gaga und solle in Pension gehen, mit routinierter Geichmut zur Kenntnis. Bis ich auf eine der Begründungen dieses Befundes stieß. Der Papst schreibe, hieß es in dem Text, jedes Jahr ein Buch, und das nicht einmal auf dem Computer, sondern mit dem Bleistift.

Der Vorwurf der Zeitverschwendung und Antimodernität - kein Computer! - wurde noch gesteigert durch die Mitteilung, wenn er schreibe, sei der Papst nicht ansprechbar. Das alles, wurde suggeriert, sei beim Leiter einer weltumspannenden Riesenorganisation intolerabel, Ratzinger solle schleunigst in Pension gehen. Mir wurde der Papst mit einem Schlag sympathisch. Würden sich doch alle Führer der Welt, statt sich unter Hektikzwang setzen zu lassen, zurückziehen und mit Bleistift ein Buch schreiben, über das sie auch noch gründlich nachdenken! Regieren können derweil die Beamten (in Belgien funktionierte das jahrelang). Nicht nur der Papst wurde mir sympathisch, sondern auch sein Amt. Weil es der geistigen Begründung bedarf, nicht bloß einer durch Demoskopie und digitale Kalender.

Quelle:

* Müder Mann im Vatikan, Profil 26/2012


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