Kommentar  Rechtsgüterabwägung

Das Kölner Beschneidungsurteil verletzt die Religionsfreiheit

Falter & Meinung | Thomas Schmidinger | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Das Landgericht Köln hat entschieden, die Beschneidung von Knaben künftig als Körperverletzung zu werten. Fundamentalistische Atheisten freuen sich darüber ebenso wie angeblich feministische Kulturkämpferinnen vom Verein Terre des Femmes. Mit dem Urteil und der Freude darüber wird das alte Ressentiment gegen Juden und Muslime geschürt, das sich oft an der Beschneidung festmacht. Sigmund Freud schrieb, der mit der Beschneidung verbundene "Kastrationskomplex“ sei "die tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus“.

Eine Beschneidung ist ein kleiner Eingriff, der gesundheitliche Vorteile mit sich bringt und im Gegensatz zu weiblicher Genitalverstümmelung keinerlei sexuelle Nachteile; Beschwerden darüber sind so gut wie unbekannt.

Im Kölner Fall wurde der Arzt nicht vom Betroffenen geklagt, sondern von der Staatsanwaltschaft. Es liegt ein durch unbeteiligte Dritte geschaffenes künstliches Problem vor. Eine Rechtsgüterabwägung müsste zum Schluss kommen, dass die Religionsfreiheit höher zu bewerten ist als die theoretische körperliche Unversehrtheit.

Sollte der betroffene Arzt in Berufung gehen, stünden die Chancen gut, dass das Urteil kassiert wird. Bis dahin werden sich Muslime und Juden in Deutschland noch ein Stück fremder fühlen, während radikale salafistische Bewegungen diesen Eingriff in die Religionsfreiheit als Kriegserklärung an den Islam werten werden. Wer den Dschihad der säkularisierten Kampffront für jüdische und muslimische Vorhäute beobachtet, könnte sich glatt die alte christliche Verehrung des "sanctum praeputium“, der Vorhaut Jesu, zurückwünschen.

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler an der Uni Wien und der FH Vorarlberg


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