Enthusiasmuskolumne  Diesmal: die beste Abkühlung der Welt der Woche

Zurück zum Beton: Baden in einer Utopie

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Ein Lob der modernistischen Stadtplanung, die die körperliche Erfrischung des Großstadtindividuums mit dem Beton von Hochwasserverbauungen verbindet. Wer sich in das kühlende Donauwasser fallen lassen möchte, ohne von dessen Strömung mitgerissen zu werden, überquere mit dem Fahrrad die Reichsbrücke.

Im sogenannten Entlastungsgerinne der Neuen Donau, in den 1970er-Jahren im Zuge der Flussregulierung entstanden, stehen dem Städter viele Kilometer Uferböschung offen. Er kann sich vom Fahrrad geradewegs ins Wasser fallen lassen, braucht keinen Eintritt zu zahlen und kann, ohne dass der Pfiff eines Badewaschels ertönen würde, seinen hitzschlaggefährdeten Hund gleich mitnehmen. Alt und Jung, Migranten und Autochthone, Bernhardiner und Golden Retriever tummeln sich in der Megalache. Wen vierbeinige Mitschwimmer abschrecken, wird vielleicht die Tatsache umstimmen, dass Tiere ihr Geschäft niemals im Wasser verrichten. Im Gegensatz zu den Menschen suchen sie die dafür vorgesehenen Bäume auf.

Auf der Wiener Donauinsel wurde ein Menschheitstraum wahr: Licht, Luft und Sonne für alle! Wie auf einem Gemälde von Georges Seurat, nur nicht so pointillistisch, sondern richtig fett mit Sonnencreme und Arschbombe. In der Ideallandschaft einer keynesianistischen Freizeitgesellschaft, in der der Staat für zufriedene und dadurch auch konsumbereite Bürger und Bürgerinnen sorgt, zirpen die Grillen auf den verdorrten Rasenflächen gegen die Musik der Ghettoblaster und Mobiltelefone an.

Mobile Speiseeiskioske versorgen die Badenden, Polizisten mit versengten Unterarmen drehen im Streifenwagen gemütlich ihre Runden. Dann wieder aufs Rad. Bis zum Ende der Mittagspause ist alles wieder trocken.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige