Ein unkoketter Streifzug durch Leben und Werk: am Strand mit Agnès Varda

Feuilleton | Filmkritik: Joachim Schätz | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Am Strand lässt sich’s gut mit den eigenen Gedanken allein sein. So beginnt auch Agnès Vardas autobiografischer Essayfilm "Les Plages d’Agnès“ (2008) als einsames Selbstporträt der Künstlerin am Meer. Das wird der älteren Dame mit dem Pilzkopf aber schon in Minute zwei zu fad. Lieber, erklärt sie, filmt sie die anderen. Also lässt sie den Strand mit Spiegeln vollstellen, in denen kein geheimnisvolles Ich, sondern das junge Team hinter der Kamera zu sehen ist.

Solche Bescheidenheit könnte - zumal bei einer von Frankreichs renommiertesten Filmemacherinnen - auch arg kokett rüberkommen. Bei Varda wirkt sie glaubwürdig. Schließlich haben sich ihre Filme schon immer eher von Begegnungen leiten lassen, als vorgefassten Ideen hinterherzurennen. Die Tour durch ihr Leben und Werk gestaltet die 80-Jährige als Serie von Wiedersehenserlebnissen: Im mediterranen Sète, wo sie auf einem Hausboot aufwuchs, sucht Varda Laiendarsteller aus ihrem Debütfilm "La Pointe courte“ (1955) auf. Die Kinder, die darin durch die Straßen liefen, sind nun gesetzte Herren.

Zwischen Vardas Besuchen und Basteleien entsteht auch ein Porträt der Rive Gauche, jener Gruppe von Filmern, die parallel zur Nouvelle Vague das französische Kino neu erfand: Alain Resnais, der "La Pointe courte“ schnitt, gibt auf alten Fotos den kühlen Gentleman. Die Trauer um Jacques Demy, mit dem Varda bis zu dessen Tod 1990 verheiratet war, durchzittert den Film in Wellen. Und der kamerascheue Chris Marker, maskiert als Kater, mahnt die Regisseurin zur Konzentration: "Mai 1968 in Frankreich, sagt dir das was?“ - Varda: "Ich war nicht dort, das ist alles.“

Sehr wohl hat Varda aber 1968 in Kalifornien Proteste der Black Panthers dokumentiert und in den 70ern für Frauenrechte gekämpft. Ihr Engagement schwingt auch in "Les Plages d’Agnès“ mit: Erinnerung ist hier kein privater Schatz, sondern wird ständig entäußert, durchgespielt, vergemeinschaftet.

Ab 6.7. im Stadtkino (OmU)


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