Selbstversuch

Das ist doch komisch, der hat doch was

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Als Haemmerli kurz vor Mitternacht das An-Do betritt, hat er im Gesicht sein breites, begeistertes Haemmerli-Grinsen, er brüllt: Kneeeeeecht! Und in dem Haemmerli-Gesicht sehe ich: Es ist eh alles gut. Es war ja gar nichts. Es war alles wie immer, ganz normal nichts und mein ganzes grimmiges Herumgehirne für Hugo, wie es eh immer für Hugo ist, wenn ich mir irgendwas einbilde: weil irgendwer, zum Beispiel Haemmerli, nicht zurückruft oder nicht gleich auf meine Mail antwortet, und ich denke, ja, aha, der hat jetzt was, und der ist jetzt total genervt von mir und denkt sich das und das Unschöne über mich und schickt jetzt auch keine SMS, wann er nun genau ankommt aus Zürich.

Der schickt jetzt nicht mal mehr eine SMS. Was hat denn der jetzt, der hat doch was, und wahrscheinlich wohnt er nun woanders. Was in dem Fall nicht der Fall war, denn Haemmerli hatte ein paar SMS geschickt, allerdings an meine alte Handynummer, was einiges erklärt. Ich sehe also Haemmerlis Gegrinse, höre ihn Kneeeeecht brüllen, und alles ist gut.

Wir gehen dann gleich, weil Haemmerli und seine Mitreisenden hungrig sind, hinüber ins Kent auf ein paar Börek-Zigarren und ein paar Lammspieße, und das Große Kent-Orakel bestimmt, dass es diesmal für zwei Pommes-frites-Bestellungen einmal Reis und einmal Pommes gebe. Was gar kein schlechter Schnitt ist, wie jeder weiß, der schon einmal im Kent ausdrücklich Pommes als Beilage bestellt und dann heulende Kinder vor Reistellern beruhigt hat. Haemmerli war’s aber wurscht, und dann ging er schlafen, und dann verabschiedeten wir uns wieder, und er reiste weiter in den Osten.

Das passte gut in diese Woche der Abschiede, in der wir Lehrern und Hortbetreuern, Kindern und ihren Eltern Baba sagten, baba, schön war’s, macht’s gut, bei diversen Abschiedsanlässen, den ersten großen für die Kinder: Acht Jahre, fast ihr ganzes Leben lang, waren sie mit denselben Kindern und denselben Betreuern in denselben Räumen beieinander, erst als Kindergarten, dann als Hort, und jetzt war das das. Nicht leicht.

Aber bitte, ganz zum Schluss, am vorletzten Tag, gab’s zum Trost nochmal großen Läusealarm, und weil ich den Kindern ja diese Woche noch nicht genug Nachmittage geopfert, also gewidmet hatte, verbrachten wir dann noch einen mit Haarewaschen und -auskämmen.

Toll. Und es gab ganz offenbar auch noch nicht genug Abschiede, also verabschiedete sich vor zwei Stunden, als ich diese Kolumne bzw. ihre sehr viel bessere Vorgängerkolumne gerade zu drei Vierteln fertig hatte, mein Zweit-Macbook, dem ich erst vor zwei Wochen um 140 Euro eine neue Batterie gekauft hatte, und das sagte nicht einmal Baba. Sondern rührte sich einfach nicht mehr und kam nach dem Neustart nicht wieder, nur noch als vorwurfsvolles, graues Leuchten. Das ist doch komisch, was hat denn der jetzt, der hat doch was. Ja, der hat was, und der ist jetzt definitiv woanders.


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