Sexkolumne. Aufklärung für Zeitgenossen

Narben

Kolumnen | Heidi List  | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Letztens im Schwimmbad war eine längst vergessene Art der Anbahnung zu beobachten. Der Narbenvergleich. Man schielt sich auf den Körper, und dann sagt der andere: "Oha, na, du bist ja ganz eine Wilde.“ Gemeint sind ein paar Narben am Knie, die man sich als Kind im Stacheldrahtzaun geholt hat, nachdem man als Einzige nicht freihändig Fahrrad fahren konnte. "Ja, hehe, Jugendsünden!“, sagt man. Zwinkert. "Das kenn ich“, meint der andere und wachelt mit den Armen, damit man diverse alte Schnittwunden bewundert. "Was uns nicht umbringt, macht uns härter“, sagt er. Wo er wohl die Narben herhat?

Die Fantasie ist das, was zählt. Also stellt man ihn sich braungebrannt holzhackend vor, und wie er nicht einmal mit der Wimper zuckt, als ihn der umstürzende Baum ereilt und er mit purer Muskelkraft den Stamm auffängt und ihn das splitternde Holz verletzt und er blutüberströmt diesen Stamm stemmt.

Und dann sieht man eine Rescuesalbe aus seiner Tasche blitzen. Ach so, auweh, Homöopathiejünger. Nix mit Franzbranntwein in die offenen Wunden. Wahrscheinlich ist er nur in der Dusche ausgerutscht.


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