Menschen

Bock und Reiter

Falters Zoo | Nathalie Grossschädl Armin Thurnher Christopher Wurmdobler | aus FALTER 27/12 vom 04.07.2012

Vergangene Woche eröffnete Flüchtlingshelferin der Herzen Ute Bock ihr neues Haus in der Zohmanngasse in Favoriten und feierte gleich ihren 70. Geburtstag nach, den sie zwei Tage davor gehabt hatte. Trotz Affenhitze waren sie zahlreich gekommen: Flüchtlinge, Anrainer, Politiker und Sympathisanten. Im Publikum ebenfalls mit dabei waren natürlich der Sponsor des neuen Flüchtlingsheims, Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner, der Ende Juni aus dem Amt geschiedene Raiffeisen-Manager Christian Konrad und die Politikerin Heide Schmidt. Für wirklich heiße Stimmung sorgten das Wiener Urgestein Jazz Gitti und der Beatboxer Fii. Songcontestler a.D. Tony Wegas musste seinen Auftritt leider absagen. Kein Bock, für Bock zu spielen? Nein, ein Gips kam ihm dazwischen.

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Circa das Gegenteil zur Bock-Sause fand in der Hofreitschule statt, wo Sacher- und Rösserchefin Elisabeth Gürtler wieder zur Fête Impériale lud - zugunsten der Lipizzaner, eine Art Life Ball für gesetztere Herrschaften. Oder Opernball mit Schweiß. Viele Sportler, viele Politiker und 3000 andere Gäste und Ponymädchen. Imperial.

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Der deutsche Botschafter mit dem halbvertrauten Namen, Hans-Henning Blomeyer-Bartenstein, lud zum Abschiedsempfang in die Residenz nach Hietzing. Die stattliche Villa zeigte aus diesem Anlass ihren schattigen Park; als sie noch Botschaft der DDR war, herrschte hier weniger Cocktail- als Hochsicherheitsstimmung. Das Falter-Publikum kennt Blomeyer-Bartenstein als Interviewpartner über die Wiener Bälle (Falter 7/2012), das Wiener Parkett lernte ihn als intelligenten, witzigen und kultivierten Mann schätzen. Wer im Hietzinger Park am Vorabend des EM-Halbfinales nach einer Großleinwand Ausschau hielt, wurde enttäuscht. Ein zartes aufgeschminktes deutsches Fähnchen auf der Wange einer jungen Besucherin blieb ziemlich einsam. Der Empfang dauerte nur von 18 bis 20 Uhr, also bestand kein Bedarf nach Fußball. Prinzessinnen, Generäle, Exminister, Botschafterkollegen und Intellektuelle unterhielten sich über die Krise der EU und über den spezifischen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, Rücktritte von öffentlichen Ämtern betreffend. Diplomatisch gesprochen herrschen hier bekanntlich Auffassungsunterschiede. Und wohin geht der Botschafter? Vor seiner Pensionierung möchte er die Welt noch einmal aus ganz anderer Perspektive sehen, sagte er. Also geht er weit weg von Europa. Nach Chile. War fein, ihn hier zu haben.

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Die Viennale hatte die Idee, ein Abendessen zu Ehren von Anna Magnani nachzukochen. Etwa zwei Dutzend Gäste waren der Einladung von Direktor Hans Hurch zu einem jener 50 kleineren Viennale-Projekte gefolgt, welche die Stadt auf das 50-jährige Jubiläum des Festivals einstimmen. Im Restaurant Expedit hatten sie die Wahl zwischen vier oder fünf auf einer Schiefertafel zu lesenden Gerichten. Die Tafel hängt auf einem historischen Foto im Hintergrund, im Vordergrund sitzt die schöne Schauspielerin und hält mit traurigem Gesicht eine Tageszeitung in der Hand, die von der Ermordung John F. Kennedys berichtet. Das Foto erzähle "vom Einbruch des Grauens in einen beschaulichen Alltag“, heißt es im Katalog. Der kulinarische Alltag: Pasta mit Kichererbsen, Knurrhahn, Seezungen-Scampi-Gericht, Huhn mit Peperoni, Kalbsragout mit Erbsen und Braten vom Milchkalb. Die Nachspeise stand übrigens nicht auf der Karte: zwei Balotelli-Wuchteln, die mitten ins Herz des beschaulichen deutschen Titelraums trafen. Die Cineasten hatten nicht umhin können, einen Fernseher im Lokal aufzustellen, um das EM-Halbfinale zu beobachten.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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