Enthusiasmuskolumne Diesmal: der gemütlichste Adventure-Trip der Welt der Woche

Andersriechende Züge rütteln uns durch

Feuilleton | aus FALTER 28/12 vom 11.07.2012

Früher war alles anders - nicht ganz so bequem, aber dafür aufregender. Wer zum Beispiel von Retz nach Drosendorf reisen wollte, konnte das weder im eigenen Auto tun (denn das konnte man sich "damals“ noch gar nicht leisten), noch gab es klimatisierte Busse, die gut gefedert durch die Gegend kurvten. Ganz früher war alles ganz anders: Da lag Horn dort, wo heute Südafrika ist, und Drosendorf quasi in Südamerika (oder auch umgekehrt). Die Zeit vor der Kontinentaldrift ist für nostalgische Erlebnisreisen freilich unbrauchbar, also bleiben wir lieber bei "früher“ und steigen ein in den Reblaus-Express.

Der Reblaus-Express ist ein andersriechender und -rattender Zug aus den 1950ern; ja, jüngeren Generationen wird der Zusammenhang zwischen dem Verb "rattern“ und "Eisenbahnfahrt“ hier überhaupt erst zur sinnlichen Gewissheit. Das Stehen auf den Plattformen während der Fahrt ist übrigens voll verboten - früher war es auch gefährlicher.

An Anstrengungen, die 80 Minuten währende Fahrt möglichst abwechslungsreich zu gestalten, fehlt es nicht. Die Ausführungen des Zugbegleiters zur Geologie (unter besonderer Berücksichtigung des Braunkohlevorkommens von Langau) lassen selige Erinnerungen an projektorknatternde Lehrfilmvorführungen aus Volksschulzeiten aufsteigen. Im Heurigenwaggon werden Schmankerln wie Zwiebelschmalz- oder Rohkostaufstrichbrot zu Weinen kredenzt, die pro Bouteille weniger kosten als ein Achterl in einem durchschnittlichen Wiener Önophilenbeisl.

Gerührt ob dieser Nostalgiepreise aus Schillingzeiten und gut geschüttelt kommt man nach dieser Fahrt über die Great Plains des Nordostwaldviertels am Zielbahnhof an - zwei Minuten vor der Zeit! Nicht alles war früher schlechter.

Klaus Nüchtern


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige