Carver Uncut

Feuilleton | Literaturkritik: Klaus Nüchtern | aus FALTER 28/12 vom 11.07.2012

Erstmals liegen die legendären Kurzgeschichten von Raymond Carver in ihrer ganz schön unkurzen Fassung vor

Am Morgen des 8. Juli 1980, nach einer schlaflosen Nacht, schreibt Raymond Carver seinem Freund und Lektor Gordon Lish einen eindringlichen und verzweifelten Brief. Nachdem er ihn seiner Hochachtung und Freundschaft versichert und wiederholt beteuert hat, wie viel er ihm verdanke, fleht er ihn an, nicht wieder derart rigoros in seine Storys einzugreifen, wie Lish das zuvor in Carvers erstem Erzählband "Würdest du bitte endlich still sein, bitte“ (1976) getan hatte.

Das Ringen um "ein wenig Selbstachtung und Selbstwertgefühl als Schriftsteller“ ist leicht nachzuvollziehen. Carver steckt in einem furchtbaren Dilemma. Denn tatsächlich verdankt sich die vielzitierte und hochgelobte Lakonie seiner Short Storys vor allem den gnadenlosen Amputationsambitionen von Lish. Als Carver, der nicht als "Minimalist“ gelten mochte, mit seinem dritten Erzählband "Kathedrale“ (1983) in eine


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