Doris Knecht Selbstversuch

Mir sind hier nämlich am Land

Kolumnen | aus FALTER 28/12 vom 11.07.2012

Wenn man vom Schlafzimmer die Stiegen runter ins Wohnzimmer geht, trifft man dort auf einen sehr müden Mann und ein sehr munteres Baby. Der Mann liegt mit grauem Gesicht auf dem Sofa, während das Baby quietschend durch den Raum krabbelt. Man plaudert kurz mit dem Baby, gibt dem Mann ein Aspirin und einen Kaffee und geht dann die Stiegen wieder hinauf ins Bett. Babys sind toll, vor allem, wenn sie wem anderen gehören.

Es ist Sommer, wir sind auf dem Land. Wir haben viel Besuch und grillen ununterbrochen. Wir waschen auch ununterbrochen ab. Gestern kam auch noch Sedlacek angefahren, er wollte wissen, wie es sich als Wochenendhausspießer so lebt. Er brachte Käsekrainer und Fleisch mit. Ich kochte Erdäpfel, der Lange machte Feuer im Grill, und Sedlacek stellte sich hinter den Grill. Wenn man wissen will, wie sich ein Mann als Kapitän eines kenternden Kreuzfahrtschiffs machen würde, braucht man ihn nur hungrig hinter einen Grill zu stellen. Kaum waren die ersten Fleischstücke gar, setzte sich Sedlacek an den Tisch und aß sie. Die Zucchini, die wir auch auf den Grill gelegt hatten, verschmurgelten dort inzwischen, weil für so Mädchendinge wie Gemüse fühlt Sedlacek sich nicht zuständig, er hält es für unmännlich, sich um derlei zu kümmern, das sollen bitte die tun, die so Zeug auch essen. Ich würde lieber nicht mit einem Schiff fahren wollen, auf dem Sedlacek Kapitän ist.

Sedlacek wiederum würde lieber nicht in einem Haus wie dem unseren wohnen müssen, wo sich Gäste mitunter selber ihr Bier aus einem Kühlschrank holen müssen, der in einem dreckigen und überschwemmten Badezimmer steht.

Euer Badezimmer ist überschwemmt.

Wissen wir.

Und?

Nächstes Jahr renovieren wir eh das Bad.

Ach so. Ja dann.

Ja. Es ist uns ein bissl wurscht, weil nämlich niemand unter unserem Badezimmer wohnt, der von der Überschwemmung betroffen wäre, und wenn das Wasser zu hoch steht, nimmt man dieses Fensterputzgummiding und schiebt das Wasser zur offenen Tür in die Wiese hinaus. Fertig. Es rentiert sich auch nicht, ein Bad, das zehn Leute benutzen und in dem der Bierkühlschrank steht, jeden Tag zu putzen. Mir san do am Land, wie der Nachbaraltbauer zu sagen pflegt. Sedlacek trank das Bier und fuhr dann in seinem offenen Auto wieder nach Wien, denn er war am Abend noch zum Essen eingeladen. Zu einem richtigen Essen. Der Lange und ich glauben, dass Sedlacek zu den Gästen gehört, die eher nicht freiwillig wiederkommen.

Wenn man bei uns die Stiegen hinuntergeht, trifft man auf ein munteres Baby, das von seiner Mutter gefüttert wird, und einen müden Mann, dem der Kaffee offenbar geholfen hat, denn er wäscht jetzt ab. Prima, ich geh dann mal ins Bad. F


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