Tiere

Defective Story

Kolumnen | aus FALTER 28/12 vom 11.07.2012

Träge hängt die Luftschraube an der Decke und schiebt dicke Luft - oder das, was von ihr nach einer langen Nacht noch übrig ist - von einer Seite des Zimmers auf die andere. Auf dem einzigen Fenster, das von der Straße aus zu sehen ist, steht in verwaschener Schrift "Philip Marlöwe - Nachforschungen und Wiederbeschaffung“. Am Glas toben Stechmücken, vor der Scheibe beginnt ein zielloser, schwüler Sommertag.

Und dann kreischt das Telefon. "Der Rohrwolf ist wieder da“, keucht eine Stimme, die so klingt, als ob sie bevorzugt grüne Filzhüte mit Fasanenfedern tragen würde.

"Er war niemals weg“, stelle ich klipp und klar fest. "Richard Wolf alias Ror Wolf gibt es seit genau 80 Jahren. Und gerade bei der Fußballeuropameisterschaft brauchten wir Leute wie ihn, die sich spielerisch mit der Wirklichkeit auseinandersetzen: Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt“, lasse ich betont locker ein Zitat des deutschen Literaten raushängen.

"Nein“, stöhnt der Filzhut, "Sie verstehen nicht …“ "40 Euronen die Stunde plus Spesen“, unterbreche ich ihn, "und sie haben mein volles Verständnis.“ "Der Rohrwolf, der auch Goldschakal genannt wird, ist in Österreich und breitet sich immer weiter nach Westen aus“, lässt die Stimme, an der jetzt auch Hirschhornknöpfe hörbar werden, nicht locker.

"Auch der Goldschakal war niemals weg“, beharre ich. "In der Pannonischen Tiefebene bis ins Neusiedler-See-Gebiet gab es immer Rohrwölfe. Und seitdem Leute wie sie alle Wölfe in weiten Teilen Mitteleuropas ausgerottet haben, begünstigt das jedenfalls die Ausbreitung dieser fuchsartigen Raubtiere.“ Am anderen Ende der Leitung kann man ein schnappendes Geräusch hören, das auch angeschweißte Rehböcke kurz vor ihrem letzten Atemzug von sich geben. "Aber das heimische Wild ist nicht auf diese Räuber eingestellt“, sudert der Anrufer vor sich hin. "Rohrwölfe sind Tagträumer. Einen Sommertag wie heute verschlafen sie geschützt unter Büschen, Schilfröhrichten oder in selbst gegrabenen Höhlen. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Insekten, Nagetieren und Vögeln“, stelle ich klar. "Und eines Tages wird alles wieder wie früher sein. Aber es wird dir nicht mehr gefallen“, beende ich das Gespräch. Die Luftschraube dreht sich und der Tag tagt weiter vor sich hin. F

Zeichnung: püribauer.com


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige