Fotografie  Kritik

Jagdszenen in der Shopping-Mall

Woche | aus FALTER 29/12 vom 18.07.2012

Ein Feuerwehrmann steht vor dem Kiosk eines Bauern und kauft einen Kürbis. Im Bildhintergrund sind seine Kollegen zu sehen, die sich darum bemühen, das lichterloh brennende Farmhaus zu löschen. Die Fotografie von Joel Sternfeld hält einen jener berühmten, entscheidenden Augenblicke fest, den die Reporter der klassischen Reportagefotografie als Kapital ihres Berufes erachteten. "McLean, Virginia, Dezember 1978“ ist jedoch keine bloße Nachricht, sondern ein allegorisches Bild über den Zustand eines Landes, in dem das Verhältnis zwischen Natur und Gesellschaft aus dem Lot geraten scheint.

Der US-Fotograf Joel Sternfeld (68), dem die Albertina eine Retrospektive widmet, gehört zu den Vertretern der New Color Photography, die in den 1970ern die als kommerziell geltende Farbfotografie zur Kunstform machten. Alltägliche Sujets wie Shopping-Malls und Vorstadthäuser knüpften an die sozialdokumentarische Fotografie der 1930er-Jahre an, anders aber als die Schwarzweißbilder eines Walker Evans lassen die kräftigen Farben an Malerei denken. So wohnt den Bildern auch dann etwas Erhabenes inne, wenn der Künstler Nebensächliches abbildet und mit bewusster Verfremdung, etwa mit Blitzlicht und Unschärfe, arbeitet.

Die Albertina zeigt elf Serien und die von Sternfeld publizierten Bücher, die für den Künstler wichtigste Präsentationsform. Im Laufe der Jahre wurden die Formate der Bilder größer, "Oxbow Archive“ dokumentiert eine Naturlandschaft im Wechsel der Jahreszeiten. Die Überreste menschlicher Tätigkeiten stören die Idylle, ein Hinweis auf die moralische Absicht des ökologisch engagierten Künstlers. Diesen Bildern fehlt die suggestive Mehrdeutigkeit des kleinformatigen Frühwerks, das die Farben des Fortschritts so überzeugend zu Stillleben und Genreszenen gefrieren ließ. MD

Albertina, bis 30.9.


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