Enthusiasmuskolumne  

Wer beim Boss war, hat auch was versäumt

Diesmal: die spinnertste Band der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 29/12 vom 18.07.2012

Es hat schon was Tragisches, gegen Bruce Springsteen antreten zu müssen. Während dieser im Stadion vor gut 50.000 Gläubigen eine fast vierstündige Messe zelebriert (siehe "Zoo“ auf Seite 47), treten im Wuk The Low Anthem auf. Durchsagen in den U-Bahn-Stationen werden keine getätigt, die paar Dutzend Fans der Indiefolkband finden auch so an den Ort des Geschehens.

Gegründet wurde die Band von Ben Knox Miller und Jeffrey Prystowsky, die sich in Providence, Rhode Island, beim Baseballspielen kennengelernt hatten. Gemeinsam mit Jocie Adams bilden sie das Herz der Band. Immer wieder treten die drei ans Mikro, um im intimen Dreigesang herzergreifende Balladen in den dunklen Saal zu entlassen.

The Low Anthem sind eine grandiose Band, deren einziges Problem darin besteht, dass ihnen das offenbar peinlich ist. Das Quintett, in dem die Musiker ständig die Instrumente wechseln - gib mir doch mal das Flügelhorn, reich rüber die singende Säge, setz doch du dich ans Harmonium -, beginnt den Abend überraschend und überwältigend energiegeladen, so als wollte man eine zufriedene Zuhörerschaft nach drei Stunden noch einmal aus der Reserve locken. Danach beginnt man dann langsam, die Luft rauszulassen.

Frontmann Ben Knox Miller, der Anarchoradlerlook mit eisvogelblauem Lidschatten kombiniert, nuckelt an der Rotweinflasche; Drummer/Bassist Prystowsky bedient sich aus den Tablettenröhrchen, die er als Perkussionsinstrumente verwendet; Adams, deren Beinarbeit beim Klarinettespielen einem Tränen der Rührung entlockt, beginnt kompulsiv zu kichern. Irgendwie ist man auch froh, als alles endet, noch bevor die Kräfte der Selbstdesavouierung in einem grenzgenialen Konzert die Oberhand gewinnen.


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