Menschen

Boss so

Falters Zoo | Gerhard Stöger, Ingrid Brodnig, Christopher Wurmdobler | aus FALTER 29/12 vom 18.07.2012

Der letztwöchige Wienbesuch von Bruce Springsteen, 62, hat zwei Dinge bestätigt: Erstens wurden Fußballstadien nicht gebaut, um darin Rockmusik zu spielen. Die Akustik ist nämlich zum Davonrennen grottig. Zweitens macht das aber gar nichts, solange es der Boss ist, der den Stoff für die zum Davonrennen grottige Akustik liefert. Der Liedermacher aus New Jersey ist nämlich nicht nur der beste Stadionrocker unter der Sonne, er ist auch der sympathischste: gutgelaunt, hochagil, topmotiviert und bei allen nachdenklichen Zwischentönen offenbar zu 110 Prozent aus positiver Energie bestehend. Davon einmal ganz abgesehen, dass Springsteen eine ganze Wagen-, ach was: Sattelschlepperladung voll Songs hat, die auch die grottigste Akustik nicht kaputtbekommen kann. Drei Stunden und 40 Minuten hat es der Mann mit dem 1980er-Jahre-Flinserl im Ohr sich und uns besorgt, zwischen antikapitalistischer Gospelpredigt und ausgelassenem Hitgestampfe war auch Platz für Raritäten, Publikumswünsche und überraschende Versionen alter Hits. Alleine der Moment, als Springsteen zwei Stunden nach Konzertbeginn am Klavier sitzt und, beobachtet von mehr als 50.000 Menschen, die Akkorde für "Tougher Than The Rest“ zusammensucht, das er dann als rührende Ballade gibt. Oder als er mitsamt seiner elektrischen Streitaxt ein Bad in der Menge nimmt, während einer atemberaubenden 10-Minuten-Version von "Racing In The Street“ zur lebenden Rock-’n’-Roll-Statue wird oder vor der ersten Zugabe erzählt, wie er mit seiner Schwester als Kind immer am Friedhof gespielt hat, warum uns die Seelen der Verstorbenen nie verlassen und was das alles mit der Krise zu tun hat. "Thank you, Wien, wir lieben euch, wir lieben euch, wir lieben!“, brüllte er um 23.45 Uhr zum Abschied in die Menge. Wir dich auch, Bruce, wir dich auch!

Wenn man Alanis Morissette zuschaut, wird man ganz nervös. Zumindest war es so beim Auftritt freitagabends in der Arena, der restlos ausverkauft war. Frau Morissettes Choreografie bestand einzig und allein darin, hektisch die Bühne von links nach rechts zu überqueren und wieder zurück, wie ein nervöser Panther im Käfig - allerdings war die kanadische Sängerin dabei nicht ganz so grazil wie ein Raubtier. So wie das musikalische Repertoire, hat sie auch ihr Outfit anscheinend seit den 1990er-Jahren nicht gewechselt: Alanis, 38, trug lederhosenartige Leggings, darüber kurze Jeans sowie ein seltsames glitzerndes schwarzes Jackerl. Aber wurscht, das Publikum sang trotzdem begeistert beim großen Hit "Ironic“ und bei der echt schönen Version von "You Oughta Know“ mit und erinnerte sich, wie das damals so war in den Nineties. Hach!

Dass es hingegen auch total gut gestylte Bands gibt, davon konnte man sich noch am selben Abend im Fluc vergewissern. Da trat die argentinische Hipster-Mädchentruppe Las Kellies auf, die auch Songs der Postpunk-Ikonen ESG oder The Slits wiedergab. Wir werden nun bald eine Liste anlegen von Bands, die dem American-Apparel-Katalog entsprungen sein könnten. Und ja, mit der blonden Dauerwelle, der riesigen Nerdbrille oder dem viel zu weiten Jeansshirt fallen auch die drei Argentinierinnen eindeutig unter die Rubrik Hipster-Fashion-Victim. Aber eh fesch!

Dass Protestsongikone und Woodstocklegende Joan Baez auch die "Barefoot Madonna“ genannt wurde, wussten wir gar nicht. Jedenfalls bekam die Barfußmadonna nach ihrem Stadthallen-Gig von der Vizebürgermeisterin den goldenen Rathausmann (für ihre Wienverdienste?) überreicht. Wieso hat der Boss so was nicht gekriegt?

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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