Fragen Sie Frau Andrea

Das Geben ist immer ein Nehmen

Kolumnen | aus FALTER 30/12 vom 25.07.2012

Liebe Frau Andrea,

beim Reflektieren über die Arbeitswelt sind mir unlängst die eklatanten Fehlbezeichnungen "Arbeitgeber“ und "Arbeitnehmer“ aufgefallen. Denn schließlich gibt ja wohl eher der arbeitende Mensch, während sein kapitalkräftiges Gegenüber sich mehr oder weniger kräftig an den Früchten dieser Arbeit bereichert. Ich vermute hier eine bewusste und perfide Begriffsumkehr. Können Sie zur Aufklärung beitragen?

Mit besten Grüßen,

Klaus Richter, Hütteldorf,

vermittels Bernsteinfunkennachricht

Lieber Klaus,

mit Ihrer Wahrnehmung reihen Sie sich in eine Liste meist linker Denker ein, die Probleme mit dem Begriffspaar haben, das in Folge einer frühindustriellen Arbeiterunruhe, des Schlesischen Weberaufstandes von 1844, entstand und schließlich Eingang in die Sozialgesetze Otto von Bismarcks fand.

Als erster prominenter Kritiker der inkriminierten Begriffe gilt der Philosoph, Gesellschaftstheoretiker und kommunistische Revolutionär Friedrich Engels. In seinem 1883 verfassten Vorwort zur 3. Auflage des Werkes "Das Kapital“ seines "besten, unverbrüchlichsten Freundes“ Karl Marx vermerkt er: "Es konnte mir nicht in den Sinn kommen, in das, Kapital‘ den landläufigen Jargon einzuführen, in welchem deutsche Ökonomen sich auszudrücken pflegen, jenes Kauderwelsch, worin z.B. derjenige, der sich für bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben lässt, der Arbeitgeber heißt, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm für Lohn abgenommen wird. Auch im Französischen wird travail im gewöhnlichen Leben im Sinn von, Beschäftigung‘ gebraucht. Mit Recht aber würden die Franzosen den Ökonomen für verrückt halten, der den Kapitalisten donneur de travail, und den Arbeiter receveur de travail nennen wollte.“

Ungeachtet der polemischen Kritik Engels’ und vieler Nachfolgender an der sprachmagischen Verzerrungskraft der beiden Begriffe konnten sich diese in der Lingo von Wirtschaftstheoretikern, Volkswirtschaftlern, Gesetzgebern und politischen Akteuren etablieren. Dem Selbstverständnis der Beteiligten am Begriffspaar Arbeitnehmer/Arbeitgeber würden die holprigen Neologismen "unterkapitalisierter Arbeitskraftanbieter“ (Arbeiter) und "kapitalkräftiger Arbeitskraftsuchender“ (Unternehmer) eher entsprechen.


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