Museen  Kritik

Der Darmwurm der Kopfjäger

Lexikon | aus FALTER 30/12 vom 25.07.2012

Der Wurm sagt schon alles. Er stammt aus dem Magen des Präparators Johann Natterer (1787-1843). Nachdem ihn der forschende Naturforscher erbrochen hatte, legte er ihn in ein Glas, das mit einer konservierenden Flüssigkeit gefüllt war. Ein obsessiver Sammler macht auch seinen eigenen Körper zum Objekt.

Das Museum für Völkerkunde führt in die Zeit der großen Expeditionen zurück, als sich der Schrecken vor dem Urwald und seinen als primitiv geltenden Bewohnern in wissenschaftliche Neugier verwandelte. Der Anlass der Ausstellung "Jenseits von Brasilien“ sind die herausragenden Objekte aus dem Brasilien des frühen 19. Jahrhunderts, die das Museum sein eigen nennt.

Anlässlich der Vermählung der Erzherzogin Leopoldine mit dem portugiesischen Thronfolger Dom Pedro im Jahre 1817 entsandte der österreichische Hof eine naturkundliche Expedition nach Brasilien. Da Portugal bis 1807 eine restriktive Zugangspolitik betrieben hatte, war Brasilien in Europa weitgehend eine Terra incognita. Nun öffnete sich das Land. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten zahlreiche europäische Expeditionen stattfinden, die das Land wissenschaftlich erschlossen.

Johann Natterer war auf der österreichischen Brasilien-Expedition für die Zoologie zuständig. Auch danach blieb er iim Land und bereiste lang das Land. Natterer war ein hervorragender Zeichner; Aquarelle von Fischen belegen sein Können. Die Ausstellung zeigt ein Zelt mit Moskitonetz aus dem Forscheralltag sowie handschriftliche Notizen. Im Zentrum der sorgsam inszenierten Schau stehen die indianischen Kulturen; die Exponate spiegeln die Faszination ihrer materiellen Kultur wider. Einen Höhepunkt bilden die prachtvollen Federarbeiten der Munduruku, deren Kopfjagdtrophäen so schön gruselig sind. MD

Museum für Völkerkunde, bis 7.1.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige