Kritik

Leere Schläge, schwerer Staub

Lexikon | aus FALTER 31/12 vom 01.08.2012

Das Kunsthistorische Museum setzt seine Ausstellungsreihe zeitgenössischer Kunst fort. Nach dem Schweizer Künstler Ugo Rondinone ist diesmal der belgische Künstler Kris Martin zu Gast im Theseustempel. Martin hat derzeit im Aargauer Kunsthaus eine Einzelausstellung. Das Kennzeichen dieses Künstlers ist das Verwenden vertraut wirkender Objekte, die er mit Irritationen versieht, etwa einer Kirchenglocke, die ohne Klöppel schwingt. Da der Betrachter an ein Gong denkt, wenn er eine schwingende Glocke sieht, wirkt die Stille laut, wie ein Schlag ins Leere. Ein anderes Werk besteht aus einem Haufen metallener Granathülsen. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man die Verzierungen auf der Metalloberfläche, die das Kriegsgerät in Blumenvasen verwandeln. So kippt das Vertraute in etwas Unheimliches.

In dem klassizistischen Tempel im Volksgarten präsentiert Martin die Arbeit "Festum II“. Auch hier schafft der Künstler eine poetische Irritation. Die Installation besteht aus tausenden winzigen Bronzescheiben, die sich auf dem Boden verteilen; der Künstler ließ sie von der Decke herunterrieseln. Das glitzernde Metall erinnert an den Reis oder das Konfetti, das bei Hochzeiten in die Höhe geworfen wird. Oder auch an die Sägespäne, die man früher in Gasthäusern verwendete, um verschüttete Flüssigkeiten aufzusaugen. So wirkt der Raum wie ein Festsaal nach einer Feier. Der Künstler schafft eine heitere, leicht melancholische Stimmung, macht aus dem leeren, in seiner Funktion unbestimmten Saal, der ursprünglich für Heldenfiguren vorgesehen war, einen Imaginationsraum. Die Kinder unter den Besuchern knien sich nieder und formen aus dem Material Figuren und Buchstaben, eine sympathische Form der Tempelentweihung. MD

Theseustempel Volksgarten, bis 20.8.


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