Selbstversuch

Es ist alles genau wie immer

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 31/12 vom 01.08.2012

Die Horwaths sind wieder da, zurück aus Kroatien, gestern waren wir bei ihnen zum Essen, heute waren sie bei uns, es ist alles wie immer. Der Abend ist lau, Fledermäuse zischen zwischen den Bäumen durch, die Solarlichterketten schalten sich ein, hin und wieder knallt eine Saubirne auf den Tisch, und auf dem Dach der Nachbarn sitzt der Pfau und singt uns sein Abendliedchen. Das Abendliedchen ist ein lauter, grauslicher Schrei in einer extrem unangenehmen Frequenz. Ääääääääiiiiiiiii!!!

Ma, schau, mein Pfau, sagt die Horwathin. Na, sagt der Horwath, nicht dein Pfau. Er ist immer noch ein bisschen grummelig, weil der Pfau, den er letztes Jahr der Horwathin zum Geburtstag schenken wollte, noch vor dem Fest bei ihm ausgezogen und stattdessen bei unseren direkten Nachbarn eingezogen ist, gibt es aber nicht zu. Ihm ist es nämlich wurscht.

Ich bin auch noch immer ein bisschen grummelig, dass der Pfau nicht lieber drei Häuser weiter bei den Horwaths wohnt, denn es stimmt keineswegs, was der Horwath über Pfaue behauptet hat, dass sie nur von April bis Juli ein paar Mal am Tag schreien. Der Pfau schreit immer, das ganze Jahr hindurch, morgens und abends, am Tag und in der Nacht. Er schreit nur im April anders als im Juli, im April ist es so ein nettes, fröhliches Huhu, ein freundliches Haaaalloho, im April wirbt der Pfau noch um die Frau, lieb und zärtlich. Irgendwann im Mai kriegt er sie offensichtlich, und ab Juni ist er dann nur noch grantig und schreit von früh bis spät angefressen herum. Ääääääääiiiiiiiiiii!

Ma, lieb, sagt die Horwathin. Nimm ihn bitte mit, sagt der Lange. Er wird jetzt bald einmal ein Hendl schlachten, sagt der Horwath, der sich offensichtlich in einer gedanklichen Assoziationskette verfangen hat. Das glaube ich, sobald ich es auf dem Teller habe, sage ich. Im Teller, sagt der Horwath, es gibt Suppe. Ich habe gern Suppe, sage ich. Ich nicht, sagt der Lange. Noch Wein?, sage ich. Nur einen Schluck, sagt die Horwathin. Dürfen wir Eis?, sagen die Mimis und der kleine Horwath. Haben!, sagen wir.

Es ist alles genau wie immer, wie jeden Sommer. Jetzt außer dass wir heuer nicht mit den Horwaths im Kroatien-Urlaub waren. Dabei hat der Horwath endlich den Motor an sein Gummiboot gemacht, davon hat er acht Jahre lang gesprochen. Dafür ist jetzt das Boot kaputt, darüber sprechen wir lieber nicht.

"Liebe D, lieber Langer, liebe Mimis“, schrieb uns der kleine Horwath auf eine meerblaue Ansichtskarte, "wir hatten zwei sehr schöne Wochen. Wir sind mit dem Motorboot gefahren, wenn man selber steuert, ist es viel lustiger. Dann sind wir nach S. gefahren, es haben total viele gekotzt. Es gibt jetzt einen Popcornstand neben den Palatschinken. Ich weiß auch nicht, warum ich schreibe, die Eltern waren zu faul, also hat der Papa gesagt, ich soll schreiben. Liebe Grüße.“ Ich grüße lieb zurück.


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