Fragen Sie Frau Andrea

Flach wie der Palatschinkensee

Kolumnen | aus FALTER 31/12 vom 01.08.2012

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

im Urlaub hat man ja bekanntlich viel Zeit zum Nachdenken, und man lässt in einer ruhigen Stunde so seine Gedanken schweifen. Da sitze ich nun auf Zypern am Strand und sinniere über die österreichische Küche, die ohne ihre monarchische Vergangenheit nicht das wäre, was sie ist. Genau genommen denke ich über Palatschinken nach. Warum heißen die eigentlich so? Meine Vermutung: Palatschinke bedeutet übersetzt aus dem Ungarischen eigentlich Plattenkuchen (hergeleitet von Balaton = Plattensee). Als alternative Bezeichnung für das Hochdeutsche würde sich neben Pfannkuchen somit auch Flach- oder Plattenkuchen anbieten!

Mit lieben Grüßen: Elke Aigner,

vermittels Bernsteinfunkennachricht

Liebe Elke,

die Sache verhält sich ganz ähnlich und doch wieder nicht. Fangen wir mit dem See an. Der größte europäische Steppensee heißt in der Landessprache unserer magyarischen Nachbarn Balaton. Die gängige Lehrmeinung der Etymologen leitet das Toponym vom slawischen blatna (Sumpf, Schlamm, Marsch) ab. Im Einklang mit der geringen Tiefe des Sees dürfte die Volksetymologie daraus das deutsche "Platten“ geformt haben. Die lokativisch-destinativische Ortsbezeichnung "am Balaton“ bedeutete demnach "am platten See“, am flachen See.

Die Römer nannten die überlange pannonische Lacke lacus pelso. Der Name stammt aus dem Illyrischen, einer ausgestorbenen indoeuropäischen Sprache. Pelso geht nach Vermutung der Sprachwissenschaftler auf eine proto-indoeuropäische Wurzel pels (flach) zurück.

Anders, aber ähnlich geht es dem süßen Omelett. Unsere k.u.k. Palatschinke kommt in einer langen Reise über das tschechische palaèinka und das ungarische palacsinta vom rumänischen plăcintă (Fladen). Dieses wiederum über das lateinische placenta vom griechischen plakous, das einen "flachen Kuchen“ bezeichnet.

Auch unsere hochdeutschen Wörter "flach“, "Fläche“ und "Fleck“, das umgangssprachlich-wienerische "Pletschn“, ja sogar "Plakat“ und "Pizza“ kommen alle vom selben, plakous zugrunde liegenden indoeuropäischen Adjektiv peləg-, plāg-, pləg- mit der Bedeutung "breit“, "flach“. Im Sinne Ihrer zypriotischen Urlaubssinnierungen könnte man den Balaton also ungefährdet Flachsee nennen, Pelsolacke oder schlicht: die Pletschn.


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