Tiere

Sturmböen

Falters Zoo | aus FALTER 31/12 vom 01.08.2012

Peter Iwaniewicz will auch ein Teil der Erregungsindustrie sein

Eurokrise, Beschneidungsverbote, Korruptionsaffären, mit solchen Themen provoziert man doch bei zunehmend skandalresistenten Medienkonsumenten längst keine Erregung mehr. Da braucht es schon ganz andere, schockierendere Fehltritte. Wie zum Beispiel Logo und Maskottchen der Olympischen Spiele 2012. Mehr als 500.000 Euro kostete die Entwicklung einer "abstrakten, an Glasscherben erinnernde Darstellung der Zahl 2012“.

Und auch wie sonst bei der Kritik an moderner Kunst erreichten die Sturmwogen der Empörung Tsunamistärke. Das Boulevardblatt The Sun präsentierte Alternativen, unter anderem eine, die von einer Makaken-Äffin namens Katie gemalt wurde. Selbst renommierte liberale Zeitungen wie The Guardian hatten Schaum vor dem Maul und beschrieben das Logo als "Lisa Simpson, die London einen Blowjob gibt“. Andere erkannten darin ein "zerbrochenes Hakenkreuz“.

Und weil sich mehr als 50.000 Unterzeichner einer Petition gegen das Logo in höchster Erregungsstufe befanden, wurden auch gleich die Maskottchen mit abgewatscht: Wenlock und Mandeville heißen jene Figuren, die "zwei menschenähnliche, einäugige Stahltropfen der Stahlindustrie in Bolton“ darstellen sollen. Das klingt zumindest sehr erotisierend und identitätsbildend. Kritiker beschrieben sie als "Ergebnis eines betrunkenen One-Night-Stands zwischen einem Dalek (Alien aus der britischen Science-Fiction-Serie ‚Doctor Who‘) und einem Teletubby“.

Ja, das sind Themen, bei denen man gerne seine Meinung einbringt. Syrien-Krise, Libor-Manipulationen, das ist l-a-n-g-w-e-i-l-i-g! Da wundert es doch etwas, dass dieser animistische Brauch, dem Sportereignis Maskottchen beizustellen, erst 1972 bei den Spielen in München eingeführt wurde: Die Bayern positionierten damals Waldi, den Kurzhaardackel.

Naturgemäß bevorzuge ich Tiere als Glücksbringer, doch leider nimmt seit den Sommerspielen 1996 in Atlanta ("Izzy“?) die Unsitte zu, abstrakte Figuren zu animistischen Identifikationsobjekten zu wählen. Da kann ich mich so was von darüber aufregen!

Aber zum Glück warten 2014 in Sotschi auf uns bereits Bely Mishka, Leopard und Zaika. Ein Eisbär, der sich offenbar in die Subtropen verirrt hat. Ein Leopard, den man im Kaukasus ausgerottet hat. Und eine Häsin namens Zaika. Auf Deutsch: Schätzchen und vermutlich ein Hinweis auf das dortige Erregungsgewerbe. Spasibo!

zeichnung: püribauer.com


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