Kommentar  

Alles nur Quotenfrauen im Medizinstudium? Von wegen!

Medizin-Aufnahmetest

Falter & Meinung | Ingrid Brodnig | aus FALTER 32/12 vom 08.08.2012

Frauen haben es leichter als Männer - zumindest auf den ersten Blick. Beim Wiener Aufnahmetest zum Medizinstudium fand erstmals eine "genderspezifische Auswertung“ statt. Nachdem in den letzten Jahren Frauen bei diesem Test stets schlechter abschnitten, wird nun getrennt bewertet. Da es 56 Prozent Bewerberinnen gab, gehen heuer auch 56 Prozent der Plätze an Frauen. Umgekehrt heißt das: Ein Mann kann mehr Punkte als eine Frau erzielen und im Gegensatz zu ihr keinen Platz ergattern.

Toll ist diese Optik nicht. Das schaut so aus, als wären die neuen Medizinstudentinnen nur Quotenfrauen. Aber dieser Eindruck täuscht.

Tatsächlich wird hier eine Unfairness ausgeglichen. Bisher hatten es Männer beim Aufnahmeverfahren leichter, da die Art der Fragestellung ihnen tendenziell entgegenkam. Der Test berücksichtigt keinerlei soziale Kompetenzen, die das Schulsystem bei Mädchen fördert. Wohl aber ist räumliches und mathematisches Vorstellungsvermögen wichtig, das bei Burschen stärker trainiert wird.

Auch schneiden Mädchen bei Multiple-Choice-Tests schlechter ab. Wenn sie eine Antwort nicht kennen, kreuzen Burschen irgendein Kästchen an, Mädchen lassen die Felder hingegen oft leer. Forscher kennen diese Unterschiede und wissen, wie man Tests so anlegt, dass beide Geschlechter möglichst gleiche Chancen haben.

Deswegen ist die jetzige Lösung nur ein Notbehelf. Statt Frauen und Männer getrennt zu bewerten, braucht es ein neues Auswahlverfahren. Daran arbeiten die Medizin-Unis bereits - zu Recht. Kein Geschlecht soll bevorzugt werden. Wenn ein solcher Test für angehende Ärzte auch noch soziale Kompetenzen berücksichtigt, kann das nur von Vorteil sein.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige