Tiere

Ruhe allerorts

Falters Zoo | aus FALTER 32/12 vom 08.08.2012

Peter Iwaniewicz vermisst den hohen, surrenden Ton der heißen Sommernächte

Tiere sind nicht nur Freude und Zier jedes kultivierten Menschen, sondern auch verlässliche Stütze des Journalismus. Und daher wird seit Erfindung des Buchdrucks in allen Redaktionsplänen im August dick und fett "Gelsenplage“ eingetragen.

Ein Thema mit Biss, das die Nöte der Bevölkerung anspricht und sehr gut zum weinenden Wimmern weichhäutiger Wiener passt. Aber auf nichts ist mehr Verlass! Weder auf den Wetterbericht, der sich als Wettervorher-Sage etymologisch von jener märchenhaften Literaturgattung ableitet, in der ein Körnchen Wahrheit mit fantastischen, die Wirklichkeit übersteigenden Ereignissen ausgeschmückt wird, noch darf man in Zeiten des Klimawandels mit der sommerlichen Bedrohung durch die Gemeine Gelse rechnen.

Nicht nur die Marillen- und Getreideernte litt unter dem heurigen Spätfrost, sondern die kalten Temperaturen haben auch die Gelege mit den kleinen, süßen Babygelsen zerstört. Und so sitzt man heuer völlig unumsurrt und gelsenlos im Freien. Wo früher mannhafte Erzählungen über den Kampf gegen die Luftangriffe dieser Insekten erklangen, wo tollkühne Burschen wetteiferten, wer mehr Gelsenstiche ohne zu klagen erträgt, und wo mythisch überhöhte Abenteuer (1997 nur mit einer Badehose bekleidet in den Marchauen übernachtet!) in den nächtlichen Sternenhimmel gerufen wurden, da herrscht in diesem Jahr nur mehr dumpfes Schweigen.

Vergeblich versuchen enttäuschte Journalisten mit der eingeschleppten asiatischen Tigermücke ein neues Schreckensszenario herbeizutexten: "Jetzt erobern Todes-Gelsen auch Österreich“ (Heute), "gefährliche Killermücken“ (Krone), "Panik vor den Tiger-Mücken“ (Österreich). Aber selbst der akademische Hohepriester der Gelsenapokalypse, Bernd Seidel, konnte keinen neuen Weltuntergang orten und schmetterte das Thema ex cathedra ab: "Es handelt sich nur um ein bescheidenes Vorkommen am Rande von Österreich, (…) man braucht sich um die Tigermücke nun wirklich keine Sorgen zu machen.“

Unsere nördlichen Freunde sind uns wieder einmal um Stechrüsselbreite voraus und erfassen in einer Studie, welche Stechmückenarten wo und wie häufig in Deutschland leben. 49 verschiedene Arten gibt es dort. Alle Bundesbürger sind aufgefordert, die Insekten vorsichtig einzufangen, einzufrieren (!) und den Forschern zu schicken. Ich würde sofort mitmachen, aber hier sind ja leider keine Gelsen mehr zu finden.

zeichnung: püribauer.com


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