Meinesgleichen Die olympische Nullnummer

Falter & Meinung | aus FALTER 33/12 vom 16.08.2012

Wo ist Gehbauer?“, rief der ORF-Reporter am letzten Tag der Spiele ein ums andere Mal verzweifelt. Gehbauer kam nicht. Gehbauer kam mit über zwei Minuten Verspätung, und es war ein großer Erfolg. Neunter wurde der Mountainbiker, mehr war beim besten Willen nicht zu erwarten gewesen. Niemand von den österreichischen Athleten kam rechtzeitig. Sie scheiterten tragisch wie Markus Rogan, in seinem letzten großen Wettbewerb im Halbfinale disqualifiziert, oder heroisch wie die 110m-Hürdenläuferin Beate Schrott, die es ins Finale schaffte, dort aber Letzte wurde. Oder sie errangen Blech wie der Schwimmer Dinko Jukic und die Segler Delle Karth/Resch. Nach fünf Tagen der Spiele jubelte die Kleine Zeitung: "Österreich besser als 1964“. Am Ende dann gleich gut. Auch 1964 errang das stolze Alpenländchen null Medaillen.

Das wäre mit etwas Realismus locker zu verkraften. Die Welt ginge nicht zugrunde. Wirklich schwer ertragen lässt sich nur der peinliche Stilmangel beim Wegstecken von Niederlagen. Das überflüssige Funktionärs- und Mediengekeife! Londons Bürgermeister Boris Johnson, politischer Sieger dieser Spiele, zeigte, wie man Niederlagen in Siege verwandelt. Er blieb an einem Transportseil stecken, an dem er elegant über die Köpfe schweben hatte wollen. Statt sich zu genieren, parlierte er mit der Menge unter ihm, wobei er ab und zu abrupt rief: "Gold Medal!“ Bis man ihn aus seiner Lage erlöste. Wo war der Witz, der unser Debakel erträglich gemacht hätte? "Tin Medal!“


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