Mediaforschung Verführungskolumne

Warum dem Lottogewinner bald das Lachen vergehen wird

Medien | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 33/12 vom 16.08.2012

In seinem Buch "Die Glückshypothese“ zitiert der Psychologe Jonathan Haidt eine Studie über das relative Glücksempfinden: Menschen, die aufgrund eines Unfalls querschnittgelähmt im Rollstuhl landen, sind nach einem Jahr in etwa wieder gleich glücklich wie vor dem Unfall. Und auch bei Lottospielern, die den Millionen-Jackpot geknackt haben, pendelt sich das Glücksempfinden nach einem Jahr wieder auf den Normalzustand ein. Fazit: Egal, wie gut oder schlecht die Situation ist - der Mensch passt sich an.

Das neue Sujet der Lotterien zeigt einen Bauarbeiter, der sich Helm und ernste Miene aufgesetzt hat. Eingeengt von seelenlosen Hochhäusern hämmert er sich unter grauem Himmel vorwärts. Es staubt und lärmt - so laut, dass der arme Hackler Ohrenschützer tragen muss. Es ist heute nicht sein bester Tag.

Dabei könnte es so schön sein. Wäre er reich, würde er sein Leben eintauschen: Schutzhelm gegen Sturzhelm. Presslufthammer gegen Harley. Schotter gegen Asphalt. Er würde glückselig lächelnd in die Freiheit fliehen.

Die Agentur Lowe GKK setzt in der aktuellen Lottokampagne erneut auf den beliebten Vorher-nachher-Vergleich. Es braucht nur wenige Striche, um das öde Arbeitsleben in einen Lebenstraum zu verwandeln. Nämlich zwölf, um sechs richtige X auf den Lottoschein zu kritzeln.

Was das Sujet nicht zeigt, ist das Nachher-nachher-Bild. Den Motorradfahrer mit gelangweilter Miene. Nach dem Motto: Alles ist möglich. Und man gewöhnt sich an alles.


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