Ohren auf Sammelkritik: Experimentelle Klassik

Auf den Spuren des Unsichtbaren

Feuilleton | Miriam Damev | aus FALTER 33/12 vom 16.08.2012

Vergangenes Jahr wurden Steven Daverson und Hèctor Parra mit dem Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung ausgezeichnet. Nun sind die musikalischen Porträts der beiden jungen Komponisten bei col legno erschienen.

Hèctor Parras Themenwahl ist äußerst unkonventionell, auf "Caressant l’Horizon“ bringt er die Superstring-Theorie, schwarze Löcher sowie die Theorie der präbiotischen Evolution zum Klingen. Abstrakte Elemente wie Materie und Energie führt Parra zu einem globalen Klangraum zusammen; einzelne, fragmenthafte Klanginseln gewinnen nach und nach an Energie, bis sie schließlich miteinander verschmelzen. Die Gefühle, die man empfinden mag, wenn einen die unglaublich intensive Gravitationswelle durchdringt, die bei der Kollision von zwei schwarzen Löchern entsteht, hat Parra hier ebenfalls vertont.

Der Faszination des Ungreifbaren widmet sich auch Steven Daverson mit "Shadow Walker“. "Widening the in-betweens“ nennt der Komponist das Prinzip seines musikalischen Denkens, in dem er das ästhetische Potenzial des Transitorischen auslotet, beispielsweise im Zyklus "Elusive Tangibility“ (übersetzt etwa: "flüchtige Fassbarkeit“). Tonlose Klappen- sowie Wischbewegungen füllt er zunehmend mit Resonanz, bis die Grenzen zwischen Klangfarbe und Harmonik verwischen, ehe sie komprimiert und wieder vernichtet werden.

Eine "performative Installation“ nannte Heiner Goebbels seine Arbeit "Stifters Dinge“, die 2007 uraufgeführt wurde und nun in einer Audioversion bei ECM erschienen ist. Die Protagonisten: fünf präparierte Flügel, ineinander verschachtelt, hochkant gestellt und mit Apparaturen versehen. Die zunächst diffuse Vielfalt an Geräuschen, Sprachfetzen - unter anderem tauchen Passagen aus Adalbert Stifters Erzählung "Die Mappe meines Urgroßvaters“ auf - und geheimnisvollen Stimmen bildet allmählich einen unwiderstehlichen akustischen Sog. Aus abstrakten Tönen und Klängen entsteht so ein homogenes Klangbild, das die Sphären des Unsichtbaren und Unhörbaren ergründet.


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