Doris Knecht Selbstversuch

Unbedanktheit ist mein zweiter Vorname

Kolumnen | aus FALTER 33/12 vom 16.08.2012

Gottseilobunddank: Ich habe jetzt ein Arbeitszimmer. Das Arbeitszimmer hat ein großes Fenster auf einen kleinen grünen Hof hinaus, in dem ein paar Vögel zwitschern und sonst nichts. Ich schaue auf eine rote Ziegelmauer, auf der hin und wieder eine graue Katze vorbeispaziert. Ich muss den Vögeln nicht antworten und die Katze nicht füttern, geht mich nichts an. Es gibt einen Schreibtisch und eine Kaffeemaschine und ein Klo. Keine Geschirrspülmaschine zum Ausräumen. Keine Wäsche zum Aufhängen. Es gibt eine Tür mit einem Schloss, und es gibt einen Schlüssel dazu, und den habe nur ich.

Als ich das Arbeitszimmer fertig eingerichtet hatte, lud ich den Langen und die Kinder ein, servierte ihnen Knabberzeug, Bier und Kindersekt und stieß mit ihnen an.

Schön, sagten sie.

Gell, sagte ich, schaut es euch gut an.

Wieso?, sagten sie.

Weil ihr es nicht mehr zu sehen bekommt, sagte ich.

Und so ist es jetzt auch. Kein Langer geht durch dieses Zimmer und reißt mich aus meinen Sätzen, indem er findet, dass es hier recht ausschaut. Kein Mimi beschwert sich, dass seine Mutter nie mit ihm spricht und schon gar nie etwas mit ihm unternimmt.

Was überhaupt nicht stimmt, aber Unbedanktheit ist ja mein zweiter Vorname. Zum Beispiel kenne ich keine Mutter außer mir, die sich für ihr Kind einfach so von einem Baum 15 Meter in die Tiefe stürzt, mit nichts als einem dünnen Stahlseil zwischen sich und dem Himmelreich. Alle anderen Mütter sitzen derweil gemütlich unten auf Holzbänken, aber die hatten auch Männer dabei, die sie als Begleitpersonen ihrer vergnügungssüchtigen Kinder auf den Baum hinaufschicken konnten. Der Lange geht nicht einmal in die Nähe eines Kletterparks, dem wird schon schwummrig, wenn er sich die unterste Sprosse einer Trittleiter auch nur anschauen muss. Immerhin lernte ich dabei, dass ich keine Höhenangst habe, wusste ich gar nicht. Ich lernte auch, was Vertrauen heißt. Also, Vertrauenhaben, wenn man sich nämlich auf diesem Seil voraus zum nächsten Baum schwingen, das zehnjährige Kind auf der winzigen Plattform in 15 Metern zurücklassen und darauf vertrauen muss, dass es sich korrekt sichert, bevor es sich ebenfalls in die Tiefe stürzt. Angst.

Aber vielleicht eine ganz gute Übung für unsere gemeinsame Zukunft in der Mimi-Adoleszenz, in der Vertrauen eine gewisse Rolle spielen wird, wie mir andere Mütter bestätigen, die ihre zarten 14-jährigen Mimis gegen ihren Willen mit verpickelten 16-jährigen 2-Meter-Lackln teilen müssen. Immerhin sind bei uns Gespräche über an diesen Themenkreis auch nur angrenzende Materien noch weitgehend unnötig. Und auch unmöglich, weil die Mimis sich sofort die Hände auf die Ohren pressen und laut "Grindigpeinlichpervers!“ schreien. Ja schau, einmal will ich mit dir sprechen, dann ist es auch nicht recht. Ich geh jetzt in mein Arbeitszimmer, tschüss.


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