Fragen Sie Frau Andrea

Helmi Athene und der nackte Mann

Kolumnen | aus FALTER 33/12 vom 16.08.2012

Liebe Frau Andrea,

weil ich auf der 2er-Linie stehend soeben schon wieder von Ortsfremden gefragt wurde, welches der beiden Zwillingsmuseen das Naturhistorische sei, habe ich folgende Frage: Wie kann man das Kunsthistorische und das Naturhistorische auseinanderhalten und erkennen? Gibt es, abgesehen vom Inhalt, Unterschiede zwischen den Gebäuden, und wieso sehen sie überhaupt so gleich aus?

Beste Grüße, Johannes Heters,

vermittels Bernsteinfunkennachricht

Lieber Johannes,

selbst für Ortskundige und Auskenner ist es oft nicht leicht, das "Kunsthistorische“ vom "Naturhistorischen“ zu unterscheiden. Abgesehen von Details im allegorischen Figurenprogramm sind die beiden äußerlich identische Spiegelbilder. Eine Kindheit in Wien hilft beim intuitiven Auseinanderhalten.

Das Naturhistorische war aus Kindersicht das eindeutig lustigere, das mit dem unfassbar dicken Seelöwen und dem schaurigen Dinosaurierskelett. Ortsfremde mit scharfem Auge können die beiden Museen mit einem kurzen Blick auf die Kuppelfigur identifizieren. Das Kunsthistorische wird von Athene, der Nebenerwerbsgöttin der Kunst, gekrönt, das Naturhistorische von Sonnengott Helios. Wie unterscheidet man die beiden? Ganz einfach, Athene trägt einen goldenen Helm, und Helios sieht aus wie eine männliche Nacktausgabe der Freiheitsstatue. In Kurzfassung also: Helm: Kunst, Arsch: Natur. Sehschwache mögen eine andere Eselsbrücke memorieren: Das Historische Museum der Natur, das mit dem R am Hintern, steht auf der R-wie-Rathaus-Seite.

Symmetrisch sind die zwei Bauten, weil sie Teil von Gottfried Sempers nur teilweise verwirklichtem "Kaiserforum“ sind. Für die Standortwahl der Museen jenseits des Ringes war Kaiser Franz Joseph verantwortlich, er wünschte diese erst in einiger Entfernung zur Hofburg zu errichten. Auch ohne genaue Kenntnis der Quellen darf angenommen werden, dass dem Kunsthistorischen sein südlicher Platz nicht nur wegen der günstigeren Lichtverhältnisse zugesprochen wurde, sondern auch wegen der Lage auf der linken, wegen der mittelalterlichen Partien der Hofburg älteren und dominanteren Spiegelseite. Hat doch die Kunst im imperialen Gestus stets den Primat über die Natur.


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