Musiktheater Kritik

Belcanto-Melodramma voller Spiel und Ironie

Lexikon | aus FALTER 33/12 vom 16.08.2012

Kein Tenor der Welt könnte heute wohl die ausgefuchsten Partien des Rossini so singen, dass es den italienischen Meister restlos zufriedenstellte. Seine Arien hat er seinen Sängern nach deren jeweiligen stimmakrobatischen Möglichkeiten auf den Leib. In "La donna del lago“ sind es gleich zwei Tenöre, die um die Liebe der Titelheldin wetteifern (wobei der "heldische“ Rodrigo den geschmeidigen Giacomo hier leider manchmal etwas überbrüllt). Und noch einen dritten Anwärter, eine Altistin, gibt es. Durch die Gesangsleistung von Varduhi Abramhamyan als Malcolm, vor allem aber durch die Mezzosopranistin Malena Erman in der Rolle der "Lady of the Lake“, die als Darstellerin doppelbödig und mit Witz agiert und hinreißend singt, erfährt man, was Belcanto sein kann. Beachtenswert auch das Dirigat des jungen Leo Hussain, das ORF-Orchester (mit Extra-Banda auf der Bühne) sowie der Schoenberg-Chor. Christof Loy bemüht für seine Inszenierung keine schottische Hochlandsteppe, setzte als Gag für zwei Darsteller lediglich den schottischen Kilt ein, die Mannen des bewaffneten Aufstands gegen den König sind in Anzügen der 60er-Jahre gekleidet.

Alles spielt in einem provinziell anmutenden Saal eines Dorfes mit einer Bühne fürs Theater im Theater, die die rothaarige Frau für ihre Gefühlsprojektionen benutzt. Der besondere Witz: Auch der ihr samt Bekleidung aufs Haar gleichende Malcolm ist eine Art "Alter Ego“ von ihr. Das Rennen macht König Giacomo, ein Latin Lover mit Smoking und Mascherl. Bei Rossini muss man nicht alles und vor allem sich selber immer ganz ernst nehmen, das weiß die Donna (nicht nur) in ihrer Schlussarie, in der sie zwinkernd musikalisch köstliche Pausen zwischen ihren Koloraturen anbringt. So viele Gefühle, über die man nicht reden kann. Anhören! HR

Theater an der Wien, Fr, So 19.30


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