Neu im Kino

Individualismus fördernd: "This Ain’t California“

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 33/12 vom 16.08.2012

Setz Kinder in eine Betonwelt, und sie werden das Skateboard erfinden“, sagt Nico. Aufgewachsen in Ostdeutschland gehörte er in den 1980er-Jahren zu jenen Jugendlichen, die das laut DDR-Medien "schädlichen Individualismus fördernde“ Sportgerät etablierten. Es versprach Freiheit, Spaß und Spiel ohne weiteren Zweck, ganz untypisch für die "Sportnation“ DDR.

"This Ain’t California“, Marten Persiels Kinofilmerstling über die "Rollbrettfahrer“ Ostberlins, ist keine klassische Reportage, sondern eine "dokumentarische Erzählung“ über eine Gruppe von Freunden, die ihrem im Film Denis genannten "Anführer” gewidmet ist. Nach seinem frühen Tod im Jahr 2011 erzählen sich die alten Kumpels am Lagerfeuer ihre Erinnerungen. Unterlegt mit 1980er-Jahre-Musik werden diese mit Super-8-Originalmaterial, nachgestellten (jedoch nicht als solche ausgewiesenen) und animierten Sequenzen rasant zusammengeschnitten. Über erste Rollversuche geht es zur wilden Skater-WG in Berlin, nach der Wende zerbricht die kleine Szene.

Dieser Bruch bedingt einen Zusatzeffekt, der mit der Subkultur und dem Skater im Zentrum des Films nichts mehr zu tun hat: Das Thema Zeit schiebt sich in den Vordergrund. Nach 15 Jahren ohne Kontakt wirkt Denis wie eine fiktive Person, die nur in Erinnerungen und tonlosen Aufnahmen lebt - eine eigene Stimme bekommt er nie. So entsteht der Eindruck, dass der bewunderte Jugendliche und unbemerkt gestorbene Mann mehr eine Projektionsfläche für die eigenen Gefühle der Protagonisten darstellt als ein greifbares Individuum. Bobomenschen um die 40 trauern ehrlich um ihre Teenagerzeit, wie ehrlich sie um Denis trauern (können), ist fraglich. Das macht den Film nicht sympathischer, doch umso interessanter.

Ab Fr im Top-Kino


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