Kommentar  

Assange steht nicht für eine Person, sondern für Wikileaks

Diplomatenpost

Falter & Meinung | Wolfgang Zwander | aus FALTER 34/12 vom 22.08.2012

Wenn man den Fall Assange mit einem Satz auf den Punkt bringt, lautet dieser: Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.

Der Wikileaks-Gründer will sich nicht der schwedischen Justiz stellen, die Assange wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe befragen will. Er betrachtet Schweden nur als Zwischenstopp einer Auslieferung in die USA (wo er als Staatsfeind gilt).

Anstatt sich zu stellen, flüchtete Assange in die ecuadorianische Botschaft in London; das US-kritische Ecuador gewährte ihm politisches Asyl, was dem Australier aber nicht allzu viel bringt, denn die Briten würden ihn nach dem Verlassen der Botschaft sofort verhaften.

Assange hat sich in eine Zwickmühle manövriert: Große Teile der Öffentlichkeit schimpfen ihn mittlerweile wegen seiner Flucht einen paranoiden Feigling, einen Narzissten, der die ganze Welt zur Bühne seiner Schmierentragödie machen will.

Dass es sich bei seiner Person um einen, gelinde gesagt, schwierigen Charakter handelt, ist aber unerheblich. Politisch betrachtet steht der Name Assange nicht für die Person Assange, sondern für Wikileaks. Die Enthüllungsplattform hat die USA jüngst mehr gedemütigt als Al-Kaida, China und der Iran zusammen.

Die USA, die sich für den Hegemon schlechthin halten, mussten ohnmächtig zusehen, wie ihre geheime Diplomatenpost in aller Welt ausgebreitet wurde; und wie Wikileaks Aufnahmen von schwersten US-Kriegsverbrechen öffentlich machte.

Man muss also kein Anti-Amerikaner sein, um Verständnis dafür zu haben, dass Assange sich lieber auf den US-Gegner Ecuador als auf den US-Freund Schweden verlässt.


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