Fragen Sie Frau Andrea

Angenagelt an den Lampenmast

Kolumnen | aus FALTER 34/12 vom 22.08.2012

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

die persönlichen Texte in Webforen und Onlinekommentarbereichen werden Postings genannt. Der betreffende Kommentator heißt Poster. Manche von denen nennen ihre Elaborate allerdings Post. In elenden Fällen "der Post“ oder "das Post“ genannt. Wie heißt denn das nun richtig, und wieso heißen private Meldungen im Netz überhaupt so?

Beste Grüße, Phillipp Tanzer,

vermittels Bernsteinfunkennachricht

Lieber Phillipp,

im Einklang mit der Entstehungsgeschichte des Internets stammen die meisten Neologismen seiner Kommunikationskultur aus dem Angelsächsischen. Beim Betreten sprachlichen Neulandes greifen wir bewusst und unbewusst auf vertraute Begrifflichkeiten zurück. Hat eine Sprache, in unserem Falle das Englische, bereits ein Vokabular entwickelt, wird dieses angepasst oder übernommen - entlehnt, wie die Etymologen sagen. Nichts anderes ist mit den Begriffen comment (Kommentar) und posting (Posting) passiert. Bei comment fand sich im Deutschen ein fast ähnlich lautendes Wort. Nicht so bei posting, der continuous form des Verbs to post, so viel wie: etwas affichieren, plakatieren. Das Zeitwort verweist auf eine kulturelle Praxis im öffentlichen Raum US-Amerikas. Private Nachrichten der Qualität "Katze entlaufen“ oder "nächste Woche Flohmarkt in unserer Garage“ wurden und werden am nächsten post angebracht. Post - Pfosten - ist der meist hölzerne Lampen- oder Telefonmast. Wir verstehen jetzt auch, warum die Angelsachsen zu Plakat poster sagen - es ist die am Pfosten angebrachte Nachricht.

Um in der Frühzeit von Usenets und Newsgroups das haptische Poster vom elektronischen zu unterscheiden, etablierte sich die Partizipialkonstruktion posting, so viel wie: im Begriffe zu sein, ein Poster anzubringen. Das Netzdeutsche hat den deutschen Ohren unverständlichen Begriff, wie andere auch, ganz einfach übernommen. Mit Konsequenzen für die sprachliche Karriere von posting. Die Irritationen manifestieren sich in der Neuschöpfung post für posting, das, um sich von der Post, der Brief- und Paketstation zu unterscheiden, männlichen bzw. sächlichen Genus annahm. Abhilfe böte sprachliche Genauigkeit. Etwa Pfostenschrieb für Posting. Und Anpfosterer für Poster. Die Anpfosterin wollen wir auch nicht vergessen.


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