Kunst  Kritik

Sternenfunkeln über dem Einmannzelt

Lexikon | aus FALTER 34/12 vom 22.08.2012

Ein Zelt in der Prärie, in der Ferne eine Bergkette, über der der Vollmond steht: Der Wiener Künstler Michael hielt auf einer seiner Wanderungen eine Szene fest, die nun in der Ausstellung "Nacht“ zu sehen ist. Die Fotografie versammelt das Standardrepertoire einer romantischen Landschaft: Mond, unbestimmte Ferne und - stellvertretend für den träumenden Künstler - Rucksack und Wanderstock. Die Ausrüstung aus dem Sportgeschäft bringt jene Störung in die idealisierte Landschaft, die die Realitätsflucht heute mit dem Fluch des Alltäglichen belegt. Der Zauber einer Campingnacht wird dann gebrochen, wenn sich Steinchen in den Rücken des Wanderers bohren.

Die Fotografie lebt im künstlichen Licht auf, sichtet die verborgenen Winkel dessen, was die Natur nur schemenhaft im matten Licht des Mondes preisgibt. Nives Widauer hält in "Moonsleep“ mit einer Nachtsichtkamera die Umrisse eines im Stehen schlafenden Pferdes fest. Borjana Ventzislavova tastet sich in die abgedunkelten Räume von Wiener Bordellen vor, der Glanz von Neonlicht und Plüsch kann das Elend der hier Arbeitenden nicht überstrahlen. Jules Spinatsch besuchte Versammlungen von Wirtschaftsorganisationen in New York und Davos und die sie begleitenden Proteste. Grelles Scheinwerferlicht fällt in den nächtlichen Gassen, die einst Zuflucht der Diebe und Künstler waren. Am weitesten vom Sujet entfernt und dem Medium am nächsten ist Anita Witek mit der Serie "Ordinary subjects larger than life“; sie legt monochrome Ausschnitte aus Zeitschriftenfotos übereinander und fotografiert sie dann. Daraus entstehen abstrakte Collage mit einer räumlichen Tiefe. Auch wenn die Zusammenstellung der Künstler etwas beliebig wirkt, gelingt es der Ausstellung, die nahe Verwandtschaft von Nacht und Fotografie schlüssig darzustellen. MD

Galerie Ostlicht, bis 29.9.


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