Bis Baals Hupfburg die Luft ausgeht. Theater t’eig bringt Bertolt Brecht

Lexikon | Kritik: Hermann Götz | aus FALTER 34/12 vom 22.08.2012

Baal“ im Uni-Innenhof - das allein ist irgendwie eine Ansage. Bertolt Brechts wenig lehrreiches Frühwerk gilt als rauschhafte Inszenierung des ungebremsten Vitalismus, der Jungautor gestaltet da einen Abgesang auf die Salons mit ihren Intellektuellen und nicht zuletzt eine kaum sympathische Selbststilisierung zum Anarchogenie. In der Fassung des Theater t’eig wird der auf Sex und Saufen fixierte Baal von der jungen Darstellerin Mona Kospach gegeben. Ein Verfremdungseffekt, der der Rolle zu überraschender Glaubwürdigkeit verhilft. Als heiserer Blondschopf und Pete Doherty mit Leonardo-DiCaprio-Gesicht treibt Kospach reihenweise Frauen (Karin Gschiel, Ninja Reichert) und Männer (Alexander Koch, Christian Ruck) in den Wahnsinn - angefeuert vom gelassen genialen Duo air rapide (Mario Pall, Philipp Pluhar), das via Didgeridoo und Schlagzeug ziemlich eindeutige Sounds beisteuert. Dann wackeln die phallischen Türme einer weißen Hupfburg im Takt, während der Didgeridoo-Rüssel grunzt und keucht.

Überhaupt regiert ungewohnt viel Eindeutigkeit diese Arbeit des Regisseurs Thomas Sobotka, der sonst gerne auf brechtsche Brüche und formalistische Inszenierungen zurückgreift. Sein "Baal“ präsentiert sich - zumindest im Spiel der drei Darstellerinnen - emotional und unmittelbar. Hat da jemand die Empathie entdeckt, just bei einem Stück, das sich dieser eigentlich verschließt? Auf jeden Fall ist es Sobotka erneut gelungen, ein Drama erstens gegen den Strich zu bürsten und das zweitens anders als man glaubt, was drittens einen schönen Theaterabend ergibt. Da kann man nur staunen. F

Uni Graz, Innenhof Hauptgebäude, bis 8.9.


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