Am Apparat  

Was hat die Bombe bei ihrem Fall gesehen, Herr Mattl?

Telefonkolumne

Politik | aus FALTER 35/12 vom 29.08.2012

Eine heftige Explosion, eine Fontäne im Wasser: Am Samstag explodierte in der Donau eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Zeithistoriker Siegfried Mattl erklärt, wie die Bombe dorthin gelangt ist.

Herr Mattl, wer hat die Bombe abgeworfen, die jetzt explodiert ist?

Wien wurde hauptsächlich von den US-Amerikanern bombardiert, aber auch von den Engländern. Das hat im Herbst 1943 begonnen und sich in den letzten Kriegsmonaten intensiviert.

Die Bombe ist in der Nähe der Pagode gelandet, mitten im Grünen. Was könnte ihr Ziel gewesen sein?

Es ging darum, die Brücken zu zerstören, um Nachschubwege und Truppenbewegungen der Deutschen zu blockieren. Die Treffgenauigkeit war natürlich viel schlechter als heute, noch dazu, weil man wegen der Luftabwehr in großer Höhe geflogen ist.

Was hätte die Bombe bei ihrem Fall gesehen, wenn sie Augen hätte?

Sie hätte ein Überschwemmungsgebiet gesehen, Brachland. Die Donauregulierung hatte noch nicht stattgefunden. Dahinter lag ein Brettldorf im Bereich des heutigen WIG-Gartens (des Donauparks, Red.). Dort hatten Siedler nach dem Ersten Weltkrieg aus eigener Kraft Hütten gebaut, eine Art Favela. Die Stadt wollte die Siedlung immer beseitigen, aber das gelang erst in den 1960ern im Zuge der Wiener Internationalen Gartenbaumesse. Der Donauraum wurde industriell genutzt - viele Hafenanlagen, der Ölhafen Lobau zum Beispiel, waren Kriegsneubauten, Naziprojekte. Freizeitnutzung gab es nur wild: Die Ärmeren haben in den Tümpeln gebadet, die sich nach Überschwemmungen gebildet haben.

Die Bombe hätte also auch badende Wiener sehen können?

Unwahrscheinlich. Die Angriffe wurden von Oberitalien über heutiges slowenisches und kroatisches Gebiet geflogen - die Fliegerwarnungen waren viel zu lang, als dass Menschen beim Baden überrascht worden wären.

Anruf: Ruth Eisenreich


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