Enthusiasmuskolumne  

Auch so kann man Bahnhof verstehen

Diesmal: der beste Bahnhof der Welt der Woche

Feuilleton | Jan Tabor | aus FALTER 35/12 vom 29.08.2012

Die Ringlotten, die ich kürzlich am Kulturbahnhof in Kassel gepflückt habe, schmeckten fabelhaft. Der Obstbaum wächst zwischen den Schwellen von Gleis 1 und ist 15 Jahre alt. Das Obst, unter dessen Last während der diesjährigen Documenta 13 die Zweige zu brechen drohen, ist Restkunst der Documenta X.

Lois Weinberger bepflanzte damals, 1997, das stillgelegte Gleis 1 mit allerlei wild wachsenden Blumen, Gräsern und Sträuchern aus Tirol. Seine Naturinstallation mit dem Titel "Das über Pflanzen / ist eins mit ihnen“ zählte damals zu den meistbeachteten Documenta-Beiträgen. Sie besteht und gedeiht weiter. Als Kunst wird sie allerdings nicht mehr wahrgenommen.

Um den Anschluss der Documenta-Stadt Kassel an das internationale Superschnellzugnetz zu ermöglichen, wurde 1997 der Hauptbahnhof in Kassel durch einen neuen ersetzt und der ausgediente Kopfbahnhof als provisorischer Ausstellungsort an die Documenta angeschlossen.

Deutsche Stadtplaner, Architekten und Kulturpolitiker schätzen das Demolieren nicht so sehr wie österreichische. Der Bahnhof von Kassel, der jetzt "Kulturbahnhof“ genannt wird, behielt den lokalen Eisenbahnverkehr - und damit seine ursprüngliche Funktion und die Wiederaufbauatmosphäre der Nachkriegszeit - und erhielt eine neue Bestimmung dazu: als sehr flexibler Veranstaltungsort für Kunst und Kultur. Lokale Fahrgäste mischen sich mit Documenta-Besuchern aus allen Winkeln der Welt, alle treffen aufeinander in den Bahnhofsrestaurants und Cafés und gehen dann wieder ihrer Wege.

Am Kasseler Bahnhof ist die Kunst der Alltag und der Alltag die Kunst geworden, die Ringlotten sind lecker, und bittere Erinnerungen an den demolierten Wiener Südbahnhof und die fantasielose Wiener Kulturpolitik lassen sich dabei nicht vermeiden.


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