Menschen

Stil der Straße

Falters Zoo | Barbara Schellner, Nathalie Grossschädl, Christopher Wurmdobler | aus FALTER 35/12 vom 29.08.2012

So eine weiche Haut hatten wir noch nie. Obwohl uns eigentlich nicht die Wasserqualität am Freitag ins Thermalbad nach Bad Fischau gelockt hatte, sondern das FM5-Klangbad. Rund um das Becken aus der k.u.k. Zeit, mit echtem Kies am Grund!, spielten nämlich den ganzen Tag tolle Bands, auch ein eigens gegründetes Streichquartett. Zu Vivaldi im eiskalten Wasser planschen, das könnte man doch im Gänsehäufel auch mal andenken? Den Kitschfaktor trieb allerdings Hauptact Der Nino aus Wien an die Spitze. Im Wasser spiegelten sich bunte Lichter, die Kastanienbäume wiegten sich sanft im Wind, und der Spritzer floss in Strömen. Herrlich!

Hippe Streetkids samt Milchkaffeeeltern versammelten sich am Wochenende in der Volksopernprobebühne, wo der Fesch’Markt Mini zum ersten Mal stattfand. Rund 60 Designerinnen (und ein paar Designer) boten Trendiges, Nachhaltiges und Außergewöhnliches für Kinder. Es gab Wandtattoos der Marke Musterladen, Patchworkdecken, deren Motive Geschichten erzählten (von Penny’s Shack), oder schicke Elefanten aus gepunkteten Baumwollmaterialien (von Lotte näht) und "über“-bunte Kinderkleidung, wohin das Auge reichte. Einen jungen Vater hörte man sogar die Verkäuferin fragen: "Gibt es diesen tollen Kindersweater vielleicht ebenso in meiner Größe?“ Mittendrin das Tingel-Tangel-Mobil mit DJ Bernhard Tobola. Auch er war von seiner Musik sichtlich begeistert und wagte zwischendurch den einen oder anderen Tanz mit seiner kleinen Tochter. Im Hof warteten ein Seifenblasenworkshop, Jausenstationen mit den mittlerweile obligatorischen Cupcakes oder Biosäften und bereits arg mit Kreidestaub verschmierte Kinder, die sich ausgelassen in Straßenmalerei übten. Streetstyle.

Und dann waren wir natürlich bei der Premiere des Films "360“ von Fernando Meirelles im Volkstheater. Aus unerklärlichen Gründen im Volkstheater, muss man dazusagen. Denn während überall in der Stadt die Megaplexe leerstanden, schwitzte sich das Premierenvolk im Theater die Poporitzen nass. Und dass Schnitzlers "Reigen“, an dem sich der Film nach dem Drehbuch von Peter Morgan orientiert, in der Volkstheaterfiliale Kammerspiele dereinst erstaufgeführt wurde, wie uns der Kulturmoderator aufklärte, kann ja nicht der Grund gewesen sein. Immerhin ist das Volkstheater in dem (Wien übrigens sehr schön darstellenden) Film ein paar Mal zu sehen - allerdings ohne den pulsierenden Stern am Dach. Ohne Jude Law und Rachel Weisz verlief übrigens auch die Veranstaltung; mit Johannes Krisch und Lucia Siposová waren aber immerhin zwei der Darsteller anwesend. Wem wir gerne den Red Carpet ausgerollt hätten? Ben Foster. Den kennt man aus "Six Feet Under“. In "360“ spielt er einen Psychokiller. Ganz schön überzeugend.

Hätte es das Ritz Carlton damals schon gegeben, hätte Herr Meirelles seinen Film sicher auch dort gedreht - und das Le Meridien in The Leopold umbenennen müssen. Doch das weitere Luxushotel für Wien wurde erst jetzt eröffnet. Bürgermeister Michael Häupl schnippelte mit Ritz-Verantwortlichen Erlan Ospanov und Bob Kharazmi das rote Band durch. Wo wir uns schon fragen: Benutzt man dafür spezielle Scheren? Werden die immer neu gekauft? Oder sind das einfach welche vom Portier? Und was passiert eigentlich mit all den durchtrennten roten Bändern, die da im Laufe eines Jahres so durchschnitten werden? Sammelt die jemand? Kann das mal bitte wer recherchieren?

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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