Neu im Kino

Totgesagte filmen wilder: Leos Carax’ "Holy Motors“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 35/12 vom 29.08.2012

Seit Mitte der 1990er-Jahre hört das Kino angeblich gar nicht mehr auf zu sterben: als Kunstform, als Massenphänomen, als analoge Technik. Ziemlich genauso lang liegt nun schon die Karriere des Franzosen Leos Carax, der in seinen 20ern als Filmemacher-Junggenie gefeiert wurde, in Trümmern. Mit "Holy Motors“ versuchen beide ein Comeback. Einen Tag und eine Nacht hindurch folgt der Film dem wandlungsfähigen Monsieur Oscar (Denis Lavant), dessen Alltag sich als ununterbrochene Abfolge verschiedener Aufträge und Identitäten entfaltet. Mal muss er einen Banker töten, mal als alte Frau in der Pariser Innenstadt betteln, mal eine Tochter von einer Party abholen. Publikum und Auftraggeber der Missionen bleiben im Dunkeln. Unterwegs durchquert Oscars Limousine weit verstreute Bezirke der Filmgeschichte: Groteske, Musical, Thriller, Melo.

"Holy Motors“ ist dabei weniger ein Nostalgietrip als ein Film über das Nach- und Weiterleben des Kinos. Beim Abfeiern der Kreatürlichkeit "heiliger“ Kraftmaschinen (Auto, Kino, Mensch) klingt zwar viel Virtualisierungspanik mit. Andererseits erkundet der Film auch genuin digitale Sensationen (Motion-Capture, Bildschlieren) fasziniert. Und anstelle des weihevollen Gedenkens von "The Artist“ oder "Hugo“ regiert ein wilder Einfallsreichtum, dem wenig zu blöd ist: nicht plaudernde Limousinen; nicht ein Troll, der seiner entführten Angebeteten eine Burka bastelt; leider auch nicht eine schwächelnde Hommage an die Singspiele Jacques Demys. Das Kraftstrotzende, das schon in Carax’ frühen Arbeiten atemberaubend bis penetrant war, wird hier interessant verkompliziert durch Nüchternheit: Das Kino ist Verzauberung des Alltags, diese Verzauberung aber serielle Arbeitsroutine. Irre, und sehenswert.

Ab Fr im Stadtkino (OmU) - Publikumsgespräch mit Denis Lavant am Fr nach der Vorstellung um 19.30


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