Enthusiasmuskolumne Diesmal: Die beste One-Man-Show der Welt der Woche

Monsieur Merde und seine blaue Wollmütze

Feuilleton | aus FALTER 36/12 vom 05.09.2012

Denis Lavant war da! Bitte wer? Na, der Schauspieler. Er hat in "Beau travail“ gespielt, den Fremdenlegionär, der an einen Komodowaran erinnert, und vor ein paar Jahren Kapitän Ahab in einem Film, der mehr von Straub/Huillet hatte als von Melville.

Am vergangenen Freitag also war Denis Lavant zu Besuch im Stadtkino, um "Holy Motors“ vorzustellen, den neuen Film von Leos Carax. Zum fünften Mal spielt Lavant unter dessen Regie; seine Karriere ist von jener Carax’ kaum zu trennen - von "Boy Meets Girl“ aus dem Jahr 1983 über "Mauvais sang“ und "Les amants du Pont Neuf“ bis zur Episode "Tokio!“ und jetzt eben "Holy Motors“, in dem Lavant in elf verschiedene Rollen schlüpft.

Unter ihnen Monsieur Merde. In giftgrünem Schnürlsamtanzug, mit erblindetem Auge, roter Perücke und grausigen Krallen hetzt Merde begleitet von der Musik eines Godzillafilms über den Friedhof Père-Lachaise, verschlingt Blumen, verschreckt Touristen und verschleppt das halbnackte Model eines Fotoshootings in die Kanalisation.

Dann steht Denis Lavant auf der Bühne des Stadtkinos. Ein schmaler, sehniger, vielleicht 1,70 Meter großer Typ und, anders als auf der Leinwand, kein bisschen unheimlich. Er ist voll des Lobes für den Regisseur, attestiert dem Film die Qualität einer lyrischen Dichtung und lässt keinen Zweifel daran, dass jener Monsieur aus der Kloake des Unterbewussten ihm das meiste Vergnügen bereitet hat.

Eine gute Stunde dauert Lavants hinreißende Vorstellung nach dem Film. Für diese One-Man-Show braucht er weder Kostüm noch Maske - sondern nur seine blaue Wollmütze, die Dutzende Male aufgesetzt und abgenommen, zusammengelegt oder gerollt, in Sakkotaschen verstaut und sofort wieder hervorgezaubert wird.

michael omasta


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