Stadtrand Urbanismuskolumne

Die Scherbenecke vom Hohen Markt

Stadtleben | aus FALTER 36/12 vom 05.09.2012

Es gibt da diese Theorie des zerbrochenen Fensters, die besagt, dass scheinbare Nichtigkeiten wie eine zerbrochene Fensterscheibe binnen kürzester Zeit zu totaler Verwahrlosung und zum Niedergang eines gesamten Grätzels führen können. Sogenannter Rückkoppelungseffekte wegen: der signalverstärkenden Wirkung des zerbochenen Fensters, aufgrund derer der Nächste etwa seinen Müll vor die Tür kippt, ein anderer mit einer Flasche eine weitere Scheibe einwirft und so weiter und so fort, bis letztendlich ein sogenanntes Scherbenviertel übrigbleibt.

Tagtäglich kann man in Wien Zeuge werden, wie aus der Theorie Praxis wird; derzeit etwa am Hohen Markt. Bis zum Frühjahr hatten hier in einem Café Touristen, Bobos und junge Mütter mit Kleinkindern Latte macchiatos geschlürft, dann schloss der Princess Coffee Club für immer seine von fettigen Kinderfingern verschmierten Glastüren. Seither türmen sich in den Pflanzenkisten vor dem Lokal Essens- und Verpackungsreste jeglicher Art, eingeweicht in Seen von Hundeurin. Der Beweis, dass die Scherben-Theorie tatsächlich funktioniert. F


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