Tiere

Junge Römer

Falters Zoo | aus FALTER 36/12 vom 05.09.2012

Goldener Herbst. Die Blätter im Medienwald leuchten wieder in allen Farben und zeigen ihre schönsten Wortgebilde: "Ohrlochstechen“. Einen so schönen Begriff muss man in Ruhe genießen! Einerseits verbreitet dieser den Duft ländlich-derber Initiationsrituale wie Fingerhakeln oder Gnackwatschentanz, und andererseits wird man dazu angehalten, langsam zu lesen. Wer das Hauptwort-Triple "Ohrlochstechen“ zu schnell überfliegt, der fügt womöglich vor dem inneren Auge ein "sch“ an ganz falscher Stelle ein.

Dahinter steht aber ein ernstes Anliegen, die körperliche Unversehrtheit. Was diesen Sommer als Diskussion über das Präputium (bei heiklen Worten empfiehlt sich Latein) begann, endet sicher bald bei der Frage, ob man Kindern das Kopfhaar schneiden darf. Eine an sich ästhetisch reizvolle Idee, erst bei Volljährigkeit einem körperlangen Haarkokon entschlüpfen zu dürfen.

Im goldenen Herbst, wenn die Sonne tiefer steht, da werfen auch kleine Menschen große Schatten. Nein, nicht Schüler sind gemeint, sondern all jene, die anlässlich des Schulbeginns ihre maßgebliche Meinung dazu äußern, wie DIE Jugend heutzutage ist. Einmal ist die Generation rebellisch, dann verloren, einmal bekommt sie nur ein X und dann wieder ein Auto namens Golf zugeteilt. Was gilt zurzeit? "Man könnte sie als eine Generation verhinderter Spießer bezeichnen. Sie sehnen sich nach einem Leben mit heiler Familie, Haus im Grünen und Golden-Retriever-Welpen“, meinte der Jugendforscher Philipp Ikrath in einem Interview mit dem Standard. Wurden bei der Erhebung verschiedene Hunderassen abgefragt? So kann man sich als Laie irren, ich hätte glatt darauf getippt, dass der Jungmensch eher auf Jack-Russell-Terrier, kaputte Familie und Zinswohnung mit Blick in den Hinterhof steht.

Aber der Meinungsforscher tippt nicht, sondern formuliert Fragen. Und passende Antworten. Eine Versicherung veröffentlichte jetzt eine Studie, die zum Schluss kommt, dass "junge Menschen mit zunehmender Hoffnungslosigkeit dem Klimawandel gegenüberstehen“.

Frage: Welches Gefühl empfinden Sie, wenn Sie an den Klimawandel denken? Antwortmöglichkeiten: Angst, Hilflosigkeit, Traurigkeit, Wut, Überdruss, Zuversicht, Gleichgültigkeit. Bei diesem fein differenzierten Angebot negativer Emotionen fehlt vielleicht nur noch Zorn. Und Golden-Retriever-Welpen. F

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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