Film  Neu im Kino

Bebop? Nein, Ku-Bop! "Chico & Rita“

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 36/12 vom 05.09.2012

Pittoresk und beschaulich muten die Ansichten des vorrevolutionären Havannas an. So entrückt und idealisiert kann eine Stadt nur in einem Animationsfilm erscheinen: als ein mit arglosem Strich gezeichnetes, verlorenes Paradies. Aber der Trickfilm muss nicht notwendig ein unverfängliches, sondern kann auch ein erwachsenes Genre sein. Fernando Trueba und Javier Mariscal nutzen es, um ein waschechtes Melodram zu erzählen. Das Kuba, das sie mit wehmütiger Patina überziehen, ist eine vergiftete Idylle, in der Armut und Prostitution Träume vom Anderswo schüren.

Die Liebesgeschichte, die in "Chico & Rita“ hier ihren Anfang nimmt, steht unter einem schlechten Stern. Die Gefühle werden nicht Schritt halten mit der Verlockung von Ruhm und Karriere. Dabei ist die Begegnung des talentierten Pianisten Chico mit der temperamentvollen Sängerin und Tänzerin Rita erst einmal eine Verheißung: Gemeinsam könnten sie den Durchbruch schaffen. Aber die wechselvollen Zeitläufe und ihr Stolz lassen die Liebenden einander immer wieder abhandenkommen. Während sie als Showstar auf der Bühne und beim Film Karriere macht, begleitet er Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Ben Webster und Tito Puente. Als Chico nach Kuba abgeschoben wird, hat dort die Revolution gesiegt und seine Musik wird als imperialistisch gemaßregelt.

Parallel dazu erzählt der Film jedoch die Chronik eines Triumphes. Er setzt wie einst Truebas "Calle 54“ dem Latin Jazz ein fulminantes Denkmal, feiert den Einfluss karibischer Rhythmen auf Bebop und Swing. Der große Bebo Valdés (dem der Film gewidmet ist) leiht Chicos Klavierspiel seinen leichten, fließenden Anschlag. Ein Hochgenuss für Kenner und Neugierige: Musik und Bewegung gehen in dieser animierten Hommage eine vibrierende sinnliche Verbindung ein.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Top) - Premiere am 6.9. im Filmcasino, anschließend Latin Lounge


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