Kommentar  Unipolitik

Die Unis müssen lernen, ihre Mitarbeiter auch zu kündigen

Falter & Meinung | aus FALTER 37/12 vom 12.09.2012

Ingrid Brodnig

Als Nachwuchswissenschaftler muss man sich auf ein Leben im Prekariat einstellen: auf Lehrverträge, die ein Jahr dauern, auf Forschungsprojekte, die einige Monate die Existenz sichern und dann nicht verlängert werden. Denn die Institute wollen keinen Jungforscher unbefristet anstellen. Sie fürchten, die Nachwuchswissenschaftler nie mehr loszuwerden, sie bis zur Pension durchfüttern zu müssen.

Die fehlende Perspektive treibt viele kluge Köpfe ins Ausland. Dort existieren Karrieremodelle für Nachwuchsforscher.

Zum Beispiel sogenannte Tenure-Tracks, die Assistenten eine Professur versprechen, wenn diese die festgesetzten Leistungskriterien erfüllen, etwa fleißig publizieren.

In Österreich gibt es mittlerweile auch die Möglichkeit des Tenure-Tracks, also die Aussicht auf eine unbefristete Stelle an der Uni. Doch die Rektoren schrecken vor diesem Modell zurück. Sie sind es nicht gewohnt, Wissenschaftler zu kündigen.

Es ist ein Relikt aus jener Zeit, als das Hochschulpersonal aus pragmatisierten Beamten bestand. Diesen arbeitsrechtlichen Schutz gibt es längst nicht mehr. Die Unis können ihre Mitarbeiter genauso kündigen wie jedes andere österreichische Unternehmen. Doch viele Rektoren wagen das noch immer nicht.

Deswegen hat Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) Recht, wenn er mehr Tenure-Track-Stellen fordert und meint, die Unis brauchen überdies den Mut, ihre Wissenschaftler notfalls zu kündigen.

Die Situation ist skurril: Wer den Nachwuchsforschern helfen will, muss die Kündigungskultur an den Unis fördern. Erst dann werden sich die Rektoren trauen, jungen Menschen eine Chance zu geben.


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