Theater  Kritiken

Wenn Gemälde zu Theaterstücken werden

Lexikon | Sara Schausberger | aus FALTER 37/12 vom 12.09.2012

Ein Bub in Jeans und Turnschuhen liegt auf einem matratzenlosen weißen Metallbett. Er schläft. Kurz danach wird er in einem Lkw neben einem Fahrer (Peter Wolf) sitzen, dessen Rohheit bis zum Schluss bedrohlich bleibt. Er wird über Grenzen gebracht werden und an einem Ort ankommen, dessen Namen man nicht erfährt. "Fly Ganymed“ ist ein Stück wie ein Roadmovie, das durch Mundharmonikasounds und die Video-Einspielungen eines weisen alten Mannes manchmal etwas sentimental wird. Inspiriert von Correggios Gemälde "Entführung des Ganymed“, hat Paulus Hochgatterer ein Stück über die Verschleppung eines Neunjährigen geschrieben. In der Inszenierung von Jacqueline Kornmüller ist der Junge eine Puppe, die von Nikolaus Habjan beeindruckend gespielt wird: Wenn der Bub Angst hat, füllt diese den ganzen Theseustempel aus.

Mit seinen knarrenden Holzdielen und hohen weißen Wänden ist der Theseustempel ein schöner Ort für Theater. Das beweist auch das zweite Stück der Gruppe Wenn es soweit ist, das hier gezeigt wird: "Ground Swell“ ist die reale Auktion von zwölf Edward-Hopper-Bildern. Da es sich bei den Gemälden um Reproduktionen handelt, wird in Cent-Beträgen versteigert, ein Bild wie "Nighthawks“ geht dann schon einmal für 250.000 Cent weg. Vor der Versteigerung bekommt jedes Bild seine ganze eigene Besprechung: Nach Texten von Mark Strand reden Schauspieler bedeutungsvoll über die Lichteinstellungen und die Mystik in Hoppers Bildern. Der Abend lebt vor allem von Martina Stilp, die die Auktionen professionell und mit viel Witz leitet, und vom Ort an sich: Während der Theseustempel in "Fly Ganymed“ zum engen Lkw wird, wird er in "Ground Swell“ bei geöffneten Türen zur weiten Auktionshalle.

Theseustempel, Fr, Sa, Do 19.00 ("Fly Ganymed“) bzw. So 19.00 ("Ground Swell“)


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