Die Eroberung der Stadt - 35 Jahre Stadtleben: Wir machen Wien zur Weltstadt

Blatt und Stadt in Wort und Bild | Archivbesuch: Christopher Wurmdobler | aus FALTER 38/12 vom 19.09.2012

Grau in grau. So muss man sich Wien in den 1970er-Jahren vorstellen. Und auch Ende der 1980er-Jahre findet der deutsche Humorist Max Goldt in einem Falter-Essay Wien noch "hinreißend verostblockt“. Wie gemein! Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt doch längst viel weiter. Und bunter. Auch wenn das Blatt selbst erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit durchgehend in Farbe erscheint.

Wer 35 Jahre Falter und 35 Jahre Wien Revue passieren lässt, merkt schnell: beide gehören zusammen. Die Stadt beeinflusst das, was dann in der Stadtzeitung steht. Und in der Stadtzeitung steht, wie die Stadt ist und werden könnte. Seit 1977 geht es im Falter auch ums Stadtleben; selbst wenn das Ressort erst Jahre später so genannt wurde.

Vor allem geht es um die Eroberung von Freiheiten und Freiräumen: Der Falter begleitet den Streit um die "Rasenfreiheit“ im Burggarten samt Polizeieinsätzen. Heute liegt toute Vienne auf der Burggarten-Wiese in der Sonne. Bereits in der zweiten Ausgabe findet sich die Forderung, das Semperdepot zu öffnen und zum Kulturzentrum zu machen. Heute residiert hier die Akademie. Autoren erforschen den Stadtrand, "Break-Tänz in Fluridsdurf“ oder den "Bauch von Wien“. Die erste Gastro-Kritik im Falter war 1979 ein "Pizza-Report“; seit 1988 entscheidet Tester Florian Holzer über den Erfolg von neuen Lokalen mit. Einstürzende Altbauten, Neubauten, Kaffeehaussterben und -leben, Wildplakatieren, Radfahrer- oder Fußgängerfreiheiten, Gentrifizierung, Bobofizierung, Wohnen, Design, Mode, Gesellschaft, Arm und Reich - alles urbane Dauerthemen, die dank kontinuierlicher Berichterstattung im Falter "heiß“ geblieben sind.

Von Anfang an war der Falter nah an der Stadt, hat nicht zugeschaut, wie Wien Weltstadt wurde. Sondern dabei geholfen.


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