Kunst  Kritik

Choreografie für Türklinken und Absperrgitter

Lexikon | aus FALTER 38/12 vom 19.09.2012

Benjamin Hirte: "Untitled“, 2012

Das Programm von Christoph Thun-Hohenstein, dem neuen Direktor des Museums für angewandte Kunst (Mak), nimmt Konturen an. Derzeit werden die Räume der Schausammlung umgebaut. In der Mak-Galerie läuft eine neue Ausstellungsreihe mit dem Titel "Sichtwechsel“ an, die Fragen nach der Präsentation von angewandter Kunst aus einem künstlerischen Blickwinkel beleuchtet.

Den Anfang macht der in Wien lebende deutsche Künstler und Kunstkritiker Benjamin Hirte (Jahrgang 1980). Diese Wahl vermag zu überzeugen, denn Hirtes Vorstellung von Kunstwerken ist so offen, dass darin auch eine Jugendstilkommode aus der Mak-Sammlung Platz hat. Die skulpturale Setzung des Künstlers bestand in diesem Fall darin, einen Sockel zur Verfügung zu stellen. Ein Hocker ohne Sitzschale und grob geschweißte Absperrgitter, die, ohne Menschenmenge, zum funktionslosen ästhetischen Objekt mutieren, sind weitere Beispiele einer Kunst, die auf den ersten Blick anonym wirkt. Wie zufällig sind die Werke im Raum verteilt: da ein Sockel, dort eine Bank; am Boden liegen Ketten und Türklinken. Sein Wissen um design- und geschmacksgeschichtliche Zusammenhänge demonstriert der Künstler, indem er in einer Vitrine einen Popsong Malcolm McLarens (über Kopfhörer) mit von Philippe Starck gestalteten Essstäbchen kombiniert. Typisch Eighties, oder?

Der Titel "The Classic Mob Ballet“ lässt vermuten, dass hinter der Zufälligkeit des Arrangements eine dramaturgische Absicht steckt. Die Objekte sollen in ihren Konturen und Volumen eine Formation bilden, wie das eingefrorene Bild einer Tanzaufführung. Die Besucher werden als Sitzende Teil der Szene. So wird dann doch eine Handschrift sichtbar, jene eines mit den Häutungen der modernen Skulptur vertrauten Künstlers, der den Vorwurf des allzu verspielt Poetischen riskiert. MD

Mak, bis 25.11.


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